Warum tut er das?! Hundeverhalten verstehen – Teil 3

AdobeStock 62274721Das Hormonsystem leitet Informationen wesentlich langsamer weiter als das Nervensystem und ist auf eine enge Zusammenarbeit mit diesem angewiesen. Das bedeutet, dass Neurotransmitter einerseits als elektrische Ladung, die von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergegeben wird, und andererseits als hormonelle Botenstoffe, die über das Blut transportiert werden, zur Verfügung stehen. Beteiligt am hormonellen System des Körpers sind neben den Zellen verschiedene Organe. Die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) z. B. ist für die Bildung und Ausschüttung von Hormonen zuständig, die bestimmte Zielorgane mit Informationen versorgen, um das hormonelle Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Eines dieser Zielorgane ist die Schilddrüse. Sie produziert Triiodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) in einem Mengenbereich, der von der Hypophyse gesteuert wird. Als übergeordnete Schaltzentrale fungiert der Hypothalamus. Er befindet sich im Zwischenhirn und gibt die Informationen darüber, welche Stoffe zu viel und welche zu wenig vorliegen, weiter an die Hypophyse. Zusätzlich werden Informationen an das limbische System geleitet, in dem Emotionen, z. B. Angst, entstehen. Durch das negative Gefühl der Angst, das immer mit einer Bedrohung verbunden wird, wird der Körper auf eine lebensrettende Reaktion wie Kampf oder Flucht vorbereitet. Auch hierfür wird die Hirnanhangsdrü- se informiert und schüttet als Reaktion darauf das Stresshormon ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) aus. Dieses veranlasst die Nebenniere, Adrenalin auszuschütten. Im vegetativen Nervensystem wird zeitgleich der Sympathikus aktiviert, der dafür sorgt, dass der Organismus leistungsfähig wird. Damit ist der Organismus nun in der Lage, in einer wirklich lebensgefährlichen Situation entsprechende Maßnahmen wie Angriff oder Flucht einzuleiten.

HORMONE UND IHR EINFLUSS AUF DAS VERHALTEN

Hormone sind Botenstoffe, die im Körper produziert und über die Blutbahn verteilt werden. Da einzelne Hormone immer nur in den Zielorganen, für die sie bestimmt sind, ihre Wirkung entfalten, spricht man von hoher Empfängerspezifität. Kommt das Hormon an seinem Zielorgan an, kann es nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip seine Wirkung entfalten und den Stoffwechsel der entsprechenden Zellen verändern. Zielorgane, die keine passenden „Schlüssellöcher“ besitzen, werden nicht beeinflusst. Die Schwierigkeit bei diesem System besteht darin, dass verschiedene Organe die „Botschaft“ eines bestimmten Hormons zunächst entschlüsseln müssen, um die Information nutzen und umsetzen zu können.
Das gelingt nicht immer, sodass ein Hormon in einem Zielorgan unter Umständen genau das Gegenteil von dem auslösen kann, was gewünscht war. Es ist also nicht immer möglich, eine Reaktion vorherzusagen, nur weil bestimmte Hormone vorhanden sind. So produziert die Schilddrüse z.B. bei Jodmangel vermehrt Schilddrüsenhormone, um das Defizit auszugleichen, und hört ohne „Stop“-Information auch nicht mehr damit auf, selbst wenn sie selbst Schaden daran nimmt. Es entwickelt sich eine Schilddrüsenüberfunktion.

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WASSERLÖSLICHE UND FETTLÖSLICHE HORMONE

Man unterscheidet zwischen wasserlöslichen und fettlöslichen Hormonen. Wasserlösliche können nur über das Blut transportiert werden und können in eine Zelle, die von einer fetthaltigen Lipidmembran umgeben ist, nicht selbstständig eindringen. Sie sind auf „Schlüssellöcher“ angewiesen und können ihre Wirkung nur so lange entfalten, wie der „Schlüssel“ sich im „Schloss“ befindet. Das bedeutet, dass die Wirkung häufig nur sehr kurz anhält und der Organismus bald wieder auf sein Ausgangsniveau zurückfällt. Beispiele hierfür sind Eiweißhormone, z.B. Prolaktin, und Katecholamine wie Adrenalin, Noradrenalin oder Dopamin.
Fettlösliche Hormone müssen im Blut an eine Trägersubstanz gebunden sein, um transportiert zu werden. Sie können aber problemlos in eine Zielzelle eindringen, sobald sie dort angekommen sind. Da sie ihre Wirkung direkt in der Zelle entfalten, haben sie die Möglichkeit, aktiv in den Zellstoffwechsel einzugreifen, und können nicht nur die Steuerung anderer Botenstoffe und Tätigkeiten, sondern auch den Ablesevorgang des Erbguts bei der Zellteilung beeinflussen. Zwar dauert es ca. 15 Minuten, bis die Wirkung erkennbar ist, dafür hält sie aber mehrere Stunden an, ohne dass eine erneute Ausschüttung des Hormons notwendig wird.
Für die Entstehung eines Traumas bzw. die Entwicklung verschiedener Verhaltensweisen während der „sensiblen Phase“ hat das folgende Bedeutung: Hat ein Hormon eine Verhaltensänderung zur Folge, kommt es zu einer Veränderung der Aktivierung des Erbgutes, die das ganze Hundeleben lang anhalten kann. In Bezug auf die Entwicklung von Traumafolgen bzw. die Anfälligkeit der Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung spielt hier vor allem das Stresshormon Cortisol eine wichtige Rolle.

VERWANDTE BOTENSTOFFE

NEUROMODULATOREN
entfalten selbst keine bzw. keine nennenswerte Wirkung, sondern können die Wirkung anderer Botenstoffe im Gehirn verstärken oder abschwächen. Ein Beispiel ist das bei einer Stressreaktion ausgeschüttete Noradrenalin.

PHEROMONE
werden durch speziell dafür vorgesehene Duftdrüsen produziert und über die Luft transportiert. Da sie ausschließlich für die Übermittlung bestimmter Informationen gedacht sind, werden sie, sobald sie über die Nasenschleimhaut bzw. das JacobsonOrgan des Hundes aufgenommen wurden, direkt an das Gehirn weitergeleitet. Beispiele sind die Duftstoffe aus den Analdrüsen und dem Urin des Hundes, aber auch das Dog appeasing pheromone, das die Mutterhündin kurz nach der Geburt ausscheidet.

DIE BEDEUTUNG VON BOTENSTOFFEN

AdobeStock 75909571OXYTOCIN
ist das Kuschelhormon, das bei der Entstehung einer Bindung eine wichtige Rolle spielt. Seine Hauptaufgaben in Bezug auf belastende Situationen sind Dämpfung von Stress und das Gefühl, nicht alleine zu sein, sondern einen Sozialpartner, der einen unterstützt, zur Verfügung zu haben. Oxytocin wird ausgeschüttet, wenn der Hund mit seiner Bezugsperson bzw. einem als positiv verknüpften Sozialpartner zusammen ist, und sorgt dafür, dass der Hund sich sicher und geborgen fühlt.

SEROTONIN
wird auch als Glückshormon bezeichnet. Es hebt die Stimmung und ist ein aktiver Gegenspieler des Stresshormons Cortisol. Gelingt es, den Serotoninspiegel im Gehirn zu erhöhen, ist der Hund wesentlich weniger anfällig für die Entwicklung von Angst-, Stress- oder Aggressionssymptomen bzw. bereits vorhandene Symptome können gelindert werden. Aus diesem Grund ist es so wichtig, Angst und andere problematische Verhaltensweisen, die mit einem belastenden Erlebnis zusammenhängen, nicht zu bestrafen, denn hierdurch wird die Ausschüttung von Stresshormonen erhöht und die Verfügbarkeit von Serotonin negativ beeinflusst. Gelingt es, negativ verknüpfte Situationen und Gegenstände mit positiven Gefühlen zu verbinden, so steigt der Serotoninspiegel im Gehirn deutlich an und die Wirkung des Stresshormons Cortisol wird abgeschwächt.

DOPAMIN
wird auch als Kampf-, Flucht-, Lernoder Selbstbelohnungsbotenstoff bezeichnet. Befindet sich der Hund in einer Problemsituation und findet eine für ihn erfolgreiche Lösung, hat das die Ausschüttung von Dopamin zur Folge. Der Hund hat dadurch die Möglichkeit, sich selbst zu belohnen und sich Erfolgserlebnisse zu verschaffen.
Da dieses Gefühl als angenehm empfunden wird bzw. Stress und Angst mindert, wird der Hund in Zukunft immer wieder versuchen, diesen angenehmen Zustand hervorzurufen. Ein Beispiel ist die panische Flucht vor einem angstauslösenden Reiz. Durch die zunehmende Entfernung zwischen Hund und Auslösereiz nimmt die Angst deutlich ab und der Hund fühlt sich besser. Dazu kommt, dass das schnelle Rennen ebenfalls für eine Ausschüttung von Dopamin sorgt und dieses Verhalten somit doppelt belohnt wird. Hat der Hund gelernt, dass er sich so selbst belohnen bzw. seine Angst verringern kann, wird er immer wieder auf dieses Verhalten zurückgreifen.
Liegt bei einem Hund, z.B. durch schlechte Haltungsbedingungen, ein Mangel an Dopamin vor, kann es zur Entstehung von stereotypen Verhaltensweisen kommen. Durch die gleichmäßigen Bewegungen wird Dopamin ausgeschüttet und der Mangel ausgeglichen. Da Dopamin zu den wasserlöslichen Hormonen gehört, deren Wirkung immer nur so lange anhält, wie die Zielzelle dadurch aktiviert wird, ist der Hund darauf angewiesen, ständig für „Nachschub“ zu sorgen. Das ist die Ursache, warum Stereotypien so schwer beeinflussbar sind, da der Hund regelrecht süchtig nach der Ausschüttung von Dopamin wird.

NORADRENALIN
wird in der Nebennierenrinde gebildet und leitet sich chemisch gesehen aus Dopamin ab. Da es sich um einen Neurotransmitter handelt, wird die Wirkung von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergegeben, es kann von einer unmittelbaren verhaltenssteuernden Wirkung gesprochen werden. Es wird auch als Kampfhormon bezeichnet, da es immer dann zum Einsatz kommt, wenn der Hund keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich durch aggressives Verhalten zu verteidigen. Wichtig für das Verständnis der Entwicklung von Traumafolgestörungen wird Noradrenalin, wenn es die Funktion eines Neuromodulators einnimmt. Das ist immer dann der Fall, wenn es gemeinsam mit einem anderen Botenstoff ausgeschüttet wird. Alles, was der Hund in dieser Situation lernt, wird dauerhaft und lö- schungsresistent gespeichert. Gleichzeitig wird die Reizleitungsschwelle für Umgebungsreize herabgesetzt. Das bedeutet, dass das Verhalten, das in der auslösenden Situation gelernt und als „erfolgreich“ abgespeichert wurde, bei jeder erneuten Konfrontation mit entsprechenden Auslösereizen immer schneller bzw. häufiger gezeigt wird.
Als Beispiel kann man sich einen Hund vorstellen, der Angst vor einem Menschen hat, von diesem so in die Enge getrieben wird, dass er nicht fliehen kann. Wenn der Mensch jetzt noch alle friedlichen Versuche des Hundes, ihm mitzuteilen, dass er den Kontakt bzw. das, was der Mensch da macht, nicht wünscht, ignoriert, hat der Hund nur noch die Möglichkeit, sich durch aggressives Verhalten zu verteidigen. Wenn der Mensch sich daraufhin vom Hund abwendet oder sein Verhalten abbricht, war die Strategie des Hundes erfolgreich. Es wird hier also einmal eine hormonell bedingte Speicherung des Verhaltens vorgenommen, gleichzeitig lernt der Hund am Erfolg. Das erfolgreiche Verhalten wird sich festigen und in Zukunft zum Einsatz kommen.

ADRENALIN
wird in der Nebennierenrinde gebildet und ist chemisch mit Noradrenalin verwandt. Es wird auch als Fluchthormon bezeichnet, da es dazu beiträgt, dem Organismus die notwendige Energie für eine lebensrettende Flucht oder einen Verteidigungsangriff zur Verfügung zu stellen. Es ist maß- geblich dafür verantwortlich, dass der Zellstoffwechsel aktiviert wird, was eine verstärkte Blutgerinnung zur Folge hat. Weiterhin werden sämtliche Vitalparameter wie Herzschlag, Blutdruck oder Atmung deutlich erhöht.

CORTISOL
wird auch als passives Stresshormon bezeichnet, da es stark durch andere Botenstoffe beeinflusst wird. Es wird aktiviert, wenn der Hund sich in einer ausweglosen Situation befindet und einen massiven Kontrollverlust erlebt, also der Situation hilflos ausgeliefert ist. Dadurch, dass sämtliche Möglichkeiten, die Situation selbst zu beeinflussen, verbaut sind, passt sich der Hund passiv an eine Situation an, die er aktiv nicht beeinflussen kann und verfällt in die „erlernte Hilflosigkeit“. Je länger dieser Zustand andauert, desto gravierendere Folgeschäden werden sichtbar.

Folgen eines dauerhaft erhöhten Cortisolspiegels können sein:

  • Die Aktivität des Hundes nimmt immer mehr ab, er wirkt passiv und depressiv.
  • Die Konzentrations- und die Lernfähigkeit nehmen ab, was zur Folge hat, dass der Hund das, was man ihm beibringt, nicht abspeichern und nicht behalten kann.
  • Der Hund gibt jedes Neugierverhalten auf und ist durch nichts und niemanden zu einem Training bzw. zu einer Aktivität zu motivieren.
  • Der Hund kommt nachts bzw. wenn er schläft nicht zur Ruhe, sein Schlaf ist nicht erholsam.
  • Angstsymptome und die Entwicklung von defensiv-aggressivem Verhalten werden immer wahrscheinlicher.

Ist der Hund der belastenden Situation über einen langen Zeitraum ausgesetzt, entstehen Stressfolgekrankheiten, z.B. Schwächung des Immunsystems, erhöhter Blutzuckerspiegel mit Risiko einer Diabeteserkrankung, Herz-Kreislauferkrankungen, Nieren- und Leberschäden durch vermehrten Abbau von Stickstoffresten, der durch übermäßigen Abbau von Muskeln und Eiweißen entsteht.
Gerade bei Hunden, die schon mehrmals ihr Zuhause verloren haben, spielt Cortisol bei der Entstehung von Trennungsstress eine große Rolle. Durch die ständige Überaktivität von Cortisol können im Gehirn des Hundes dauerhafte Veränderungen und Schäden resultieren. Einzelne Zellen und Nervenverknüpfungen verkümmern oder werden ganz abgebaut, was zur Folge hat, dass der Hund ein deutlich eingeschränktes Neugierverhalten zeigt, immer passiver wird und sich mehr und mehr zurückzieht. Das Ende vom Lied ist häufig eine erlernte Hilflosigkeit und ein Hund, der alles über sich ergehen lässt, ohne irgendeinen sichtbaren Anteil am Leben oder seiner Umwelt zu nehmen.

THP 3 21 Page23 Image1ALEXANDRA HOFFMANN
HEILPRAKTIKERIN FÜR PSYCHOTHERAPIE

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Bach-Blütentherapie, Homöopathie, Tier- und Humanpsychologie, Dozentin an den Paracelsus Schulen

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