Den sticht der Hafer - Artgerechte Pferdefütterung – Teil 1

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Artgerechte, naturnahe Pferdefütterung ist ein großes Thema in der Pferdewelt. In dieser Reihe werden wir verschiedene Fragestellungen vor diesem Hintergrund beleuchten. Zum Start geht es darum, welche Ansprüche Pferde an ihr Futter stellen.

PFERD IST DOCH GLEICH PFERD!?

Pferde, egal welcher Rasse und Größe, haben dasselbe Verdauungssystem, also brauchen sie auch dasselbe Futter!? Diese Frage lässt sich mit einem „JEIN“ beantworten.

SCHAUEN WIR GENAUER HIN

Wenn wir uns mit der naturnahen, artgerechten Ernährung unserer Haus- und Nutztiere beschäftigten, ist es sinnvoll, den Blick auf die wilden Vorfahren oder die wildlebenden Arten zu lenken. Die Vorfahren unserer Hauspferde haben sich über Jahrtausende von einem nur fuchsgroßen Waldbewohner zu einem mittelgroßen Steppenbewohner entwickelt. Wildpferde hatten ein Stockmaß von 1,20 – 1,40 Meter und waren spezialisiert auf das Zurücklegen großer Strecken in meist ruhigem Tempo. Als klassische Fluchttiere waren sie mit entsprechender Muskulatur einem starken Herz und einer leistungsfähigen Lunge ausgestattet, um blitzartig auf schnellstmögliches Tempo zur Flucht umzuschalten. Die Futtergrundlage bildeten Gräser und Kräuter, auch kleine Zweige, Rinde und Laub von Sträuchern. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es auf der Welt keine echten Wildpferde mehr, allerdings einige wildlebende Herden, die auf ehemals domestizierte Tiere zurückgehen. Auch diese wildlebenden Pferde haben eine mittlere Größe, einen kompakten Körperbau und ernähren sich vom Aufwuchs der vorhandenen Weidegründe. Naturgemäß ist im Frühjahr und Sommer ein Überangebot vorhanden, sodass die Tiere große Futtermengen und viele Pflanzenarten zur Auswahl haben – Natur ist Fülle! Als Dauerfresser, deren Verdauungssystem auf kontinuierliche Futterzufuhr ausgelegt ist, suchen sie sich die besten Gräser und Kräuter aus und nehmen in dieser Jahreszeit – auch trotz ihrer regelmäßigen Bewegung – an Gewicht zu. Im Herbst und Winter steht weniger Futter zur Verfügung, die Pferde müssen es über längere Wegstrecken suchen und bauen häufig in dieser Zeit Körpermasse ab.

DAS „JA“

Das Verdauungssystem unserer heutigen Pferde, egal welcher Rasse, ist identisch mit dem der wilden Verwandten – also ist Pferd in dieser Hinsicht tatsächlich gleich Pferd und wir können die Frage nach dem Futteranspruch mit „JA“ beantworten. Alle Pferde benötigen einen großen Anteil an Raufutter bzw. Grundfutter (Gräser, Kräuter, faserhaltige Pflanzen), denn genau für dieses Futter ist ihr Verdauungssystem ausgelegt. Mit den empfindlichen Lippen werden passende Pflanzen und Substanzen selektiert, um diese dann mit den Schneidezähnen und einem kräftigen Ruck des Kopfes abzureißen. Im verhältnismäßig kleinen Magen, der im hinteren Teil kontinuierlich Salzsäure produziert, verbleibt das Futter nur kurze Zeit. Der Hauptort der Verdauung ist der Darm, insbesondere Dick- und Blinddarm. Dieser ist mit einer Bakterienflora besiedelt, die die Cellulose-haltigen Pflanzen aufspalten und die Nahrungsbestandteile für das Pferd verfügbar macht. Pferde benötigen daher viel Zeit für die Futteraufnahme und Verdauung.

AdobeStock 134503556DAS „NEIN“

Unsere heutigen Pferdetypen und -rassen sind durch Selektion und intensive züchterische Bearbeitung des Menschen entstanden oder verändert worden. Pferde haben heute ein Stockmaß von unter 1 Meter bis hin zu über 1,80 Meter. Es gibt leichte und schwere, ruhige und temperamentvolle Typen. Sie wurden für das Tragen und Ziehen von Lasten oder für den Einsatz in Sport und Freizeit als Partner des Menschen gezüchtet. Alle verfügen über das gleiche Verdauungssystem. Was sich jedoch grundlegend unterscheidet, ist die Leistung, die die Tiere erbringen müssen – und mit dieser Leistung verändert sich der Anspruch an das Futter. In der Tierernährung betrachten wir grundsätzlich den Erhaltungs- und den Leistungsbedarf eines Pferdes. Der Erhaltungsbedarf umfasst die Summe aller Vitalstoffe, die zur Aufrechterhaltung der Körperfunktionen, also zum Leben, benötigt werden. Dieser variiert nur innerhalb bestimmter Grenzen in Abhängigkeit vom Körpergewicht. Der Leistungsbedarf variiert in Abhängigkeit von der tatsächlich erbrachten körperlichen Leistung (Bewegung, geritten werden, Lasten ziehen, Milchproduktion etc.) natürlich stärker. Wenn dieser Leistungsbedarf an Energie und Vitalstoffen nur über Raufutter gedeckt werden sollte, müsste das Pferd erhebliche Mengen davon aufnehmen. Je nach Raufutterqualität könnte der Bedarf an einzelnen oder mehreren lebensnotwendigen Inhaltsstoffen so aber nicht reichen. Trotz desselben Verdauungssystems sind die Ansprüche an die Futtermittel im Leistungsbereich nicht bei allen Pferden gleich und es muss Ausschau nach alternativen Futtermitteln gehalten werden. Raufutter bildet für alle Pferde die notwendige Futtergrundlage. Je nach Leistung muss dieses aber individuell ergänzt werden.

FAZIT

Wir stellen fest, dass artgerechte Fütterung nicht für jedes Pferd den gleichen Speiseplan beschreibt. Für das eine Pferd ist z.B. ein Getreideanteil in der Ration durchaus sinnvoll, während das für ein anderes Pferd nicht angezeigt ist, da es sonst „vom Hafer gestochen“ bzw. zu temperamentvoll wird oder sogar gesundheitlichen Schaden nimmt. Artgerecht muss also auch leistungsgerecht und der Genetik des Pferdes angepasst sein – in Summe beschreibt der Begriff „bedarfsgerecht“ dieses Ziel sehr treffend.

Um einen bedarfsgerechten Futterplan für ein Pferd erstellen zu können, sind sowohl Kenntnisse über die verschiedenen Futtermittel als auch den individuellen Erhaltungs- und Leistungsbedarf notwendig. Diesem Thema werden wir uns im nächsten Beitrag dieser Reihe widmen.

Annette BarzANNETTE BARZ
DIPLOM-AGRARINGENIEURIN
TIERHEILPRAKTIKERIN

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE
Tierzucht, -haltung und -fütterung, Allergiebehandlung, Studienleiterin der Paracelsus Schule Leipzig

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