Krallenpflege beim Hund - Mehr als nur Kosmetik
Regelmäßiges Kontrollieren und ggf. Kürzen der Krallen ist wichtiger Bestandteil einer verantwortungsvollen Routine, v. a. bei orthopädischen Patienten. Zu lange Krallen verursachen nämlich Schmerzen, beeinträchtigen die Körperhaltung und führen langfristig zu Gelenkproblemen.
Ein häufiges Problem
Ich arbeite nicht nur als Tierheilpraktikerin, sondern auch als Tierchiropraktikerin. Ich kann gar nicht aufzählen, wie häufig ich Hunde sehe, die viel zu lange Krallen haben. Manchmal ist dies den Haltern bewusst und es kommt ein entschuldigender Satz wie: „Die müssten wir mal wieder schneiden.“ Aber häufig fällt es den Hundehaltern einfach nicht auf oder ihnen ist die Tragweite von zu langen Krallen nicht bewusst. Doch es sind nicht die Hundehalter allein, auch Therapeuten und Tierärzte vergessen hier und da, einen Blick auf die Krallen zu werfen. Meist ist dies den ansonsten oft gravierenden Diagnosen geschuldet oder dem üblichen Alltagsstress, dem wir ausgesetzt sind. Dabei bilden die Krallen doch das Fundament, auf dem unsere vierbeinigen Patienten stehen.
Die Krallen im Fokus haben
Daher möchte ich die Sensibilität bei Therapeuten und Tierhaltern erhöhen, sodass der Blick auf die Krallen unserer Hunde bei jeder Untersuchung mit im Fokus steht.
Kommt ein Hund mit orthopädischen Problemen in meine Praxis, kontrolliere ich zunächst immer die Länge des Fells unter den Pfoten. Gerade bei älteren Patienten, die zu Hause auf Parkett oder Laminat laufen, bedeutet ein simples Kürzen des Fells unter den Pfoten häufig schon deutliche Erleichterung beim Laufen und Aufstehen. Natürlich prüfe ich die Pfoten auch auf Fremdkörper, Verletzungen und Fellknubbel zwischen den Ballen. Diese können Schmerzen verursachen und für ein falsches Gangbild oder eine Schonhaltung verantwortlich sein. Dann beurteile ich die Krallen und kürze sie (wenn nötig), noch bevor ich mit der chiropraktischen Behandlung beginne. Häufig haben zu lange Krallen schon seit Wochen und Monaten den Bewegungsapparat massiv negativ beeinflusst.
Anatomie der Pfote
An den Vorderpfoten haben unsere Hunde 4 Zehen mit je einer Kralle, plus einer Daumenkralle, die etwas weiter oberhalb auf der Innenseite der Pfoten zu finden ist und keinen Kontakt zum Boden hat. Auch die Hinterpfoten haben 4 Zehen mit jeweils einer Kralle. Hier gibt es allerdings bei einigen Hunden eine Besonderheit: die Wolfskralle, auch Afterkralle genannt.
Wolfskralle/Afterkralle
Die Wolfskralle entspricht, verglichen mit der menschlichen Anatomie, der Großzehe. Sie kommt nur bei einigen Hunden vor und kann einfach oder paarig angelegt sein. Tatsächlich sieht man sie häufiger bei großen Rassen, aber ich habe auch schon Dackel oder Maltipoos mit Wolfskrallen gesehen. Sie können bei jeder Hunderasse und bei Mischlingen vorkommen. Die Wolfkralle ist gelenkig oder lose mit dem Mittelfuß verbunden. Oft ist sie funktionslos und wirkt irgendwie fehl am Platz. Viele Hunde verletzen sich beim Spielen, Laufen oder Stöbern durch den Wald und reißen sich die Wolfskralle ein oder ab. Früher wurde sie daher oft vorsorglich entfernt. Seit 1998 ist die Amputation laut Tierschutzgesetz nur noch mit medizinischen Indikationen zugelassen.
Die Wolfskralle wird häufig mit der Daumenkralle an den Vorderpfoten verwechselt, weil sie ähnlich platziert ist. Aber: Daumenkrallen befinden sich ausschließlich an den Vorderpfoten und sind bei jedem Hund physiologisch vorhanden. Wolfskrallen bzw. Afterkrallen haben nur einige Hunde, und sie befinden sich ausschließlich an den Hinterpfoten. Wölfe haben übrigens keine Wolfskrallen, wie der Name vermuten ließe. Vermutlich liegt der Ursprung in einem gemeinsamen Vorfahren.
Anatomie der Krallen
Die Hornschicht der Hundekrallen bestehen aus hartem Keratin und einer durchbluteten, mit Nerven versehenen innenliegenden Pulpa. Umgangssprachlich wird vom „Leben“ oder „Quick“ gesprochen. Die Pulpa ist von Blutgefäßen und Nervenbahnen durchzogen, die propriozeptive Reize zum Gehirn senden. Die Krallen sind fest mit dem Knochen verbunden und wachsen kontinuierlich aus dem Krallenbett heraus. Je länger sie wachsen, umso weiter gedeiht auch das Leben darin. Das Krallenwachstum beträgt im Schnitt 1,9 mm pro Woche. Dabei variiert die Wachstumsgeschwindigkeit von Tier zu Tier. Sie ist abhängig von Rasse, Genetik, Alter, Ernährung, Aktivität und der Bodenbeschaffenheit beim Auslauf. Liegt wenig Abrieb vor, weil derHund z. B. viel auf weichen Böden läuft, schon älter oder aus anderen Gründen weniger aktiv ist, sollten die Krallen alle 1-2 Monate kontrolliert und ggf. gekürzt werden. Da sich die Daumen- und Wolfskrallen nicht abnutzen, müssen sie fast immer gekürzt werden, damit sie nicht einwachsen.
Folgen von zu langen Krallen
Der Hund ist ein Zehengänger. Er läuft nicht, wie wir Menschen, auf der Fußsohle, sondern nur auf seinen Zehen. Zu lange Krallen können dabei die natürliche Stellung und Funktion der Hundepfote beeinträchtigen. Wachsen die Krallen über die Ballen hinaus, drücken sie die Zehenknochen nach oben. Sehnen und Bänder werden überdehnt, der Mittelfuß senkt sich und die gesamte Pfote flacht ab. So entsteht langfristig eine Durchtrittigkeit der Pfoten. Unser Fundament steht also nicht mehr fest, sondern verliert seine Statik. Es kommt zum veränderten Gangbild, der Hund gerät in eine Schonhaltung. Verspannungen, Schmerzen und Blockaden im Rückenbereich, Fehlbelastung, Rückbildung bestimmter Muskelgruppen sowie weitere orthopädische Erkrankungen sind Folgen. Durch den ständigen Druck der Krallen auf den Boden können sich die Zehen verformen. Sie drehen sich nach innen oder außen weg, was langfristig zu Gelenkschäden führt. Außerdem neigen zu lange Krallen dazu, abzubrechen oder einzureißen. Dies kann zu schmerzhaften Verletzungen und Entzündungen führen. Bei jeder orthopädischen Untersuchung, Gangbildanalyse und bei jedem Routinecheck sollte daher ein Blick auf die Krallen obligat sein.
Beurteilung der Krallen
Hierbei stellt sich die Frage, ab wann die Krallen zu lang sind und gekürzt werden müssen. Hört man einen Hund beim Laufen durch die Praxis, weil seine Krallen auf den Fliesen kli
ckern, so sind diese definitiv viel zu lang. Auf dem Behandlungstisch ist der Papiertest praktisch: Lässt sich keine Visitenkarte (oder ein anderes dickes Papier) unter die Krallen schieben, sind sie zu lang. Im Grunde sollten die Krallen nicht länger sein als der darunterliegende Ballen an der Pfote.
Die richtige Technik beim Krallenschneiden
Beim Kürzen sollte man vermeiden, die Pulpa zu eröffnen und damit Blutgefäße und Nerven zu verletzen. Besonders bei schwarzen Krallen ist es eine Herausforderung, die richtige Schnittkante zu finden, weil sich das Blutgefäß nicht erkennen lässt. Beachtet man aber ein paar Regeln, kann man auch dunkle Krallen problemlos kürzen:
• Die Pfote in die linke Hand nehmen (Linkshänder die rechte Hand), am besten nach hinten gerichtet
• Die Krallenzange waagrecht an der Krallenspitze ansetzen und in kleinen Schritten, Millimeter für Millimeter, dünne Scheiben abschneiden
• Dabei sollte die Schnittkante parallel zum Boden liegen
• Bei dunklen Krallen zeigt ein schwarzer Punkt in der Mitte an, wo genau das Leben beginnt
• Überstehende Kanten und Ecken mithilfe einer Feile oder einem Krallenschleifer abglätten
• Bei sensiblen Hunden kann das solitäre Arbeiten mit dem Schleifer angenehmer und praktischer sein
• Nicht zu tief schneiden, weil es blutet, schmerzhaft ist und zu Infektionen führen kann
Nicht selten sind die Krallen schon so lang, dass es unmöglich ist, sie auf eine optimale Länge zu kürzen, ohne das Leben darin zu verletzen. In diesem Fall kürzt man am besten sukzessive im wöchentlichen Rhythmus. So


Optimal gekürzte Krallen ermöglichen eine natürliche Belastung der Zehen und unterstützen die gesunde Pfotenstatik
Die sichere Schnittkantebefindet sich im Hornbereich vor dem durchbluteten und nervenversorgten Krallenleben


Diese Krallen gehören dringend gekürzt

Der Papiertest bietet eine Orientierungshilfe: Lässt sich keine Visitenkarte unter die Krallenspitzen schieben, sind die Krallen zu lang und sollten gekürzt werden kann sich das Leben innerhalb der Kralle langsam zurückziehen. Wichtig ist, dass die Abstände nicht länger als 10 Tage auseinander liegen, sonst treten wir auf der Stelle. Das Kürzen sollte nach jeweils 7 Tagen wiederholt werden, maximal nach 10 Tagen. Natürlich müssen auch eingerissene Krallen versorgt und ggf. gekürzt werden.
Blutgefäß erwischt – was tun?
Auf jeden Fall Ruhe bewahren! Hektik hilft weder Hund noch Halter weiter. Die Blutung kann zunächst durch leichten Druck mit einer sterilen Kompresse gestillt werden. Unterstützend können blutstillende Präparate mit dem adstringierenden Wirkstoff Alaun eingesetzt werden, z. B. die Wundsteinessenz von Dr. Schaette für Tiere. Anschließend sollte die verletzte Kralle mit einer antiseptischen Lösung desinfiziert werden. Je nach Ausmaß der Verletzung kann die Blutung bis zu 15 Minuten anhalten. In den meisten Fällen verschließt sich das verletzte Blutgefäß jedoch bereits nach wenigen Minuten von selbst. Lässt sich die Blutung trotz Druckverband nicht stillen oder fällt sie ungewöhnlich stark aus, sollte umgehend ein Tierarzt aufgesucht werden. Bei wiederholt starken oder ungewöhnlich lang anhaltenden Blutungen ist die Abklärung einer Gerinnungsstörung sinnvoll. Entzündungen treten nach einer Krallenverletzung eher selten auf, dennoch stellt die offene Wunde eine potenzielle Eintrittspforte für Krankheitserreger dar. Deshalb sollte die Verletzung in den Folgetagen regelmäßig kontrolliert und auf Anzeichen einer Entzündung – wie Rötung, Schwellung, Schmerzen, Wärme oder eitrigem Ausfluss – beobachtet werden.
Das richtige Werkzeug
Es gibt Krallenscheren in verschiedenen Größen und Formen. Was einem besser in der Hand liegt und womit man am liebsten arbeitet, liegt im Ermessen des Behandlers. Das Wichtigste ist, dass die Krallenzange scharf ist. Denn stumpfes Werkzeug quetscht die Kralle, und sie kann splittern. Außerdem kann eine stumpfe Krallenzange beim Schneiden für den Hund unangenehm, sogar schmerzhaft sein. Entsprechend sollte ausschließlich scharfes Werkzeug verwendet werden. Bei den vielen Zangen, die man auf dem Markt kaufen kann, sind leider viele ungeeignet, sodass beim Kauf unbedingt auf eine sehr gute
Qualität und scharfe Schnittkanten geachtet werden sollte. Tipp: Um die Schärfe des Werkzeugs zu testen, kann man damit kleine Holzstäbchen (z. B.aus der Drogerie) abknipsen. So sieht man sofort, ob das Werkzeug quetscht oder wirklich scharf schneidet.
Erkrankungen der Krallen
Die häufigsten Erkrankungen sind Traumata wie gesplitterte oder abgerissene Krallen. Neben Verletzungen kann es zu bakteriellen, parasitären und Pilzinfektionen kommen. Seltener sind immunvermittelte und systemische Erkrankungen der Krallen oder Neoplasien zwischen den Ballen. Offene Verletzungen sowie gesplitterte oder abgebrochene Krallen sollten fachgerecht behandelt oder zur chirurgischen Versorgung an einen Tierarzt überwiesen werden. Bakterielle Entzündungen des Krallenbetts können meist gut lokal behandelt werden. Auch hier kann Kernseife ein gutes Hilfsmittel sein. Tägliche Pfotenbäder wirken antibakteriell, und durch den alkalischen pH-Wert können sie sogar helfen, Fremdkörper (z. B. Dornen) aus der Pfote zu entfernen. Typische Entzündungszeichen sind Rötung (Rubor), Überwärmung (Calor), Schwellung (Tumor), Schmerzhaftigkeit (Dolor) und eingeschränkte Funktion (functio laesa). Auch Pilzinfektionen können die Krallen betreffen, sie kommen gar nicht so selten vor. Eine bräunliche Verfärbung der Krallen kann z. B. auf eine Infektion mit Malassezia hinweisen. Zudem wird häufig ein charakteristischer Geruch der Pfoten beschrieben, der an „Popcorn“ erinnert und ebenfalls ein Verdacht auf eine mycotische Beteiligung sein kann. Seltener treten parasitäre Ursachen wie Demodex-Milben oder Leishmanien auf. Diese können ein übermäßiges Krallenwachstum und eine veränderte, gebogene Form der Krallen verursachen. Immunvermittelte und systemische Erkrankungen sind differenzialdiagnostisch zu berücksichtigen. Hierzu zählen z. B. Pemphigus, der sich durch ein käsiges Exsudat im Bereich des Krallenfalzes äußern kann, sowie Vaskulitiden, die mit Geschwüren oder Nekrosen einhergehen. Darüber hinaus können Neoplasien, also Tumoren an den Pfoten oder im Zwischenzehenbereich, auftreten. Diese Fälle bedürfen einer zeitnahen tiermedizinischen Abklärung.
Fazit
Regelmäßiges Schneiden der Krallen gehört zur verantwortungsvollen, ganzheitlichen Pflege und Behandlung dazu. Obgleich dieser Bereich oft unterschätzt wird, hat die richtige Krallenlänge einen erheblichen Einfluss auf Gesundheit, Bewegungsablauf und das Wohlbefinden des Hundes. Die Krallenpflege ist also keine rein kosmetische Maßnahme, sondern ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsvorsorge, denn sie ist Prävention – und Prävention bedeutet Verantwortung.
Krallenpflege schützt Hunde vor Schmerzen, Fehlbelastungen und Verletzungen.

SASKIA BORNATH
Tierheilpraktikerin
Schwerpunkte: Ernährungsberatung, Onkologie, Dentalhygiene, Chiropraktik und Grooming