Serie: Tierosteopathie - Das Fasziensystem des Hundes

Nachdem wir uns in den ersten beiden Teilen der Serie „Osteopathie am Hund“ mit der parietalen und der viszeralen Osteopathie beschäftigt haben, tauchen wir nun in die spannende Welt des Fasziensystems des Hundes ein.

WAS SIND FASZIEN?

In der Literatur sind Faszien wie folgt beschrieben: „Faszien dienen als Aufhängung für Organe. Sie verleihen diesen Stabilität und verhindern, dass sie ihre Lage verändern, während der Hund sich bewegt. Gleichzeitig bleibt für den Körper eine größtmögliche Beweglichkeit vorhanden, die keine Muskelkraft beansprucht oder Energie verbraucht.“

DOCH REICHT DIESE BESCHREIBUNG AUS?

Faszien geben dem Individuum seine unwiderrufliche Form und stellen ein Gerüst dar, das auch nach Entfernung anderer Körperstrukturen erhalten bleiben würde.
Faszien gehören zum Bindegewebe, bestehen aus Zellen und einer extrazellulären Matrix. Faszien umhüllen Muskeln und Organe und bilden eine Leitstruktur für Gefäße, Lymphbahnen und Nerven. Einerseits müssen sie reißfest und widerstandsfähig sein, andererseits haben sie durch ihre Stütz- und Stoßdämpfer- auch eine Träger- und Schutzfunktion. Wenn Faszien verkleben, nennt der Mediziner das „Adhäsion“. Adhäsionen treten immer dann auf, wenn Muskeln verklebt sind, also durch falschen Muskelzug pathologisch verlängert/gedehnt oder zusammengedrückt werden.
Faszien haben auch eine Abwehrfunktion und eine Hämodynamik. Sie grenzen Muskeln und Organe ab, halten sie gleichzeitig auch zusammen. Sie kontrollieren über Rezeptoren die Spannungsveränderungen im Körper, was zu leichten bis starken Schmerzen führen kann.
Faszien sind dafür verantwortlich, dass Organe ihre Form behalten und über Bänder (Ligamente) an knöchernen Strukturen wie der Wirbelsäule angeheftet werden können.
Sie bestehen aus mehreren Schichten, die aufeinander liegen, aber unabhängig voneinander sind. Dieser Aufbau verstärkt die Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen.
An ihrer Außenseite besitzen Faszien eine synoviale Schicht, die permanent Flüssigkeit produziert, damit sie sich reibungslos gegenüber Strukturen wie Muskeln, Sehnen und Organen bewegen können.

Verklebte Faszien haben Auswirkungen auf das gesamte Nervensystem des Hundes:

  • Sympathikus
  • Parasympathikus
  • Blutdruck
  • Herzrate
  • Wundheilung
  • Frakturheilung
  • Wohlbefinden

WORAN ERKENNE ICH, DASS MEIN HUND EIN FASZIALES PROBLEM HAT?

Zunächst müssen wir wissen, dass nicht nur einzelne Muskeln von einer Faszie umhüllt sind, und einzelne Muskelgruppen, die zusammen gehören, durch Faszien „separiert“ werden, sondern dass der ganze Körper von Faszien durchzogen ist.

Die gesamte Körperoberfläche ist von der oberflächlich gelegenen, zarteren Fascia superficialis sowie von der tiefer gelegenen, fester ausgebildeten Fascia profunda umhüllt. Beide Faszien verschmelzen teilweise miteinander. In die oberflächliche Faszie sind die platten Hautmuskeln eingelagert.
So gibt es eine Kopffaszie, die u.a. mit den Gesichts- und Kaumuskeln in Verbindung steht, eine Halsfaszie (Fascia cervicalis), eine Brustfaszie (Fascia thoracalis), eine Lendenfaszie (Fascia lumbalis) und eine Beckenfaszie (Fascia pelvina). Auch den Ober- und Unterschenkelfaszien (Fascia lata, Fascia cruris) grenzen Muskelgruppen an. Es gibt noch hunderte weiterer Faszien, aber wir wollen es hierbei belassen. Diese Faszien stehen miteinander in Verbindung. Sie teilen sich Lymph-, Nerven- und Blutbahnen, sollen aber gleichzeitig die Druck- und Zugkräfte von anderen Muskeln und Faszien ausgleichen und erdulden.

ANATOMIE DES RUMPFES: FASCIA THORACOLUMBALIS

Die tiefe Rumpffaszie ist im Bereich des Rückens stark ausgebildet und wird auch Fascia thoracolumbalis bezeichnet. Sie ist dreiblättrig und bietet vielen Muskeln ihren Ursprung. Alle Blätter stehen mit den Dornfortsätzen der Brust-, Lenden-, Kreuzwirbel sowie mit dem Ligamentum supraspinale in Verbindung. Kaudal (schwanzseitig) geht die Fascia thoracolumbalis teilweise in die Fascia pelvina und die Fascia glutaea über, die übrigen Anteile heften sich an der Crista iliaca an. Dadurch ist die Fascia thoracolumbalis ein dynamisches Stabilisationselement für die Lendenwirbelsäule und bildet eine mechanische Hülle um die Rückenmuskulatur. Sie ist also ein sehr wichtiger Kräfteverteiler!
Verändert sich ihr Tonus, führt dies zu einer Funktionsbeeinträchtigung der Rückenmuskulatur. Fascia thoracolumbalis, Fascia glutaea und Fascia lata bilden eine myofasziale Kette.

RÜCKENSCHMERZEN DES HUNDES: DIE MYOFASZIALE KETTE

Rückenschmerzen des Hundes sind das häufigste Leiden unserer Vierbeiner und werden vom Besitzer oft nicht als solches erkannt. Ein verspannter Rückenmuskel auf der einen Seite der Wirbelsäule führt zu einer verspannten und in sich zusammengezogenen Faszie des Rückenmuskels. Nach cranial steht diese Faszie aber mit der Halsfaszie in Verbindung, die sich bei einem verspannten Rückenmuskel dehnen muss. Dies kann zu Spannungskopfschmerzen, Bewegungsstörungen der Kopfgelenke und zu vielen weiteren Symptomen führen.

Zur kaudalen Seite hin sorgt der verspannte Rückenmuskel dafür, dass die Fascia lumbalis sich nach vorne hin strecken/dehnen muss, um die Verspannung zu kompensieren. Das kann im Extremfall dazu führen, dass über die Fascia pelvina (Beckenfaszie) das Becken nach cranioventral (kopfbauchwärts) abkippt und der Hund eine deutliche Lahmheit zeigt. Das Abkippen des Beckens hat zur Folge, dass Fascia lata (Oberschenkelfaszie) und Fascia cruris (Unterschenkelfaszie) sich wieder dehnen müssen und der Hund in Hüfte und Knie Spannung in der Extension (Streckung) der Gelenke verspürt, was zu Lahmheiten führen kann.
Diese Abhängigkeit des Fasziensystems und der einzelnen Muskelgruppen untereinander wird als myofasziale Kette beschrieben, und es bedarf eines erfahrenen Therapeuten, um die Ursache, also den Anfang des Problems, zu erkennen.

FALLSTUDIE: BERNER SENNENHÜNDIN MIRA, 3 JAHRE

Kurz vor Weihnachten 2021 kam eine Patientenbesitzerin mit ihrer Hündin Mira in meine Praxis. Die Dame erzählte mir, dass Mira nach einer einfachen Kastration „schief“ laufen würde. Dieser Eindruck verstärke sich im Trab. Außerdem sei Mira nicht mehr so bewegungsfreudig und weniger ausgeglichen. Ein „schweres Aufstehen“ könne sie immer wieder beobachten.

ANAMNESE

In der Osteopathie gibt es verschiedene Techniken, derer man sich bedienen kann. So kann man auf einer Seite über die Proc. spinosi (Dornfortsätze) eine Fehlspannung des M. longissimus dorsi (langer Rückenmuskel) ertasten. In diesem Fall bediente ich mich zuerst der Listening-Technik.
Die Listening-Technik ist in erster Linie eine diagnostische Methode, bei der der Untersucher weitgehend passiv dem physiologischen Faszienrhythmus und erspürten Fehlspannungen und Veränderungen im Bindegewebszug folgt. Hierzu wird die Hand flächig auf das Gewebe aufgelegt. Dabei ist wichtig, dass kein aktiver Druck ausgeübt wird, sondern die Hand zunächst ins Gewebe einsinkt und dann passiv dem Bindegewebszug folgt. Physiologischerweise wird nun ein Faszienrhythmus spürbar, dessen Frequenz überall am Körper synchron verläuft und 8 – 12 Zyklen pro Minute beträgt. Durch diese Bewegung wird das Lymph- und Gefäßsystem unterstützt.

TASTBEFUND

Die rechte Seite des M. longissimus dorsi war verspannt und sehr verklebt, sodass ich davon ausgehen musste, dass dieser schmerzhafte Zustand schon seit längerer Zeit existiert. Durch den rechtsseitig verspannten Rückenmuskel stand auch das Becken auf der rechten Seite zu weit vorne, was das „Schieflaufen“ der Hündin erklärte.
Anatomisch sei in diesem Zusammenhang erklärt, dass eine Überdehnung des rechten Lendenmuskels (M. iliopsoas, bedingt durch die Verspannung des angrenzenden Rückenmuskels) eine Irritation des N. pudendus verursacht. Dieser durchdringt mit einem Teil den M. iliopsoas und innerviert die Blase. Bei einer Läsion des N. pudendus kann die Blase nicht vollumfänglich innerviert werden, ein unkontrollierter Harnverlust ist die logische Folge.

THERAPIE

Mittels Induktions-Technik folgte ich dem Bindegewebszug passiv in Richtung der Läsion. Dabei baut man leichten Zug auf und wartet auf ein Release-Phänomen. Dann prüfte ich in die andere Richtung und wiederholte den Prozess.
Zusätzlich wurde der Lendenmuskel durch manuelle Therapie gelockert. Nach insgesamt drei Sitzungen lief Mira wieder locker trabend mit ihrem Frauchen durch die Welt. Der Harnverlust trat nicht mehr auf. Faszinierend, diese Faszien!

Im nächsten Teil stelle ich die Craniosakrale Therapie beim Hund vor.

OLAF MORRACK
TIERHEILPRAKTIKER

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE
Osteopathie und Physiotherapie für Hunde und Pferde, Arthrosebehandlung, Studienleiter der Paracelsus Schule Münster

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