Optimierte Haltungsbedingungen - Schlüssel zur Gesundheit unserer Pferde

Gesunde Pferde – das wünschen sich alle Pferdehalter. Aber welche Rolle spielen hierbei die Haltungsbedingungen? Zwar ist die optimale Gestaltung des Lebensraumes kein Garant dafür, dass unsere Pferde niemals krank werden, aber es ist ein Schlüssel in der Gesundheitsvorsorge und der Unterstützung von Therapien.

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WAS SIND „OPTIMALE HALTUNGSBEDINGUNGEN“?

Antworten auf diese Frage findet man, wenn man sich das natürliche Verhalten und die Psychologie von Pferden anschaut. So lässt sich ableiten, was für Pferde artgerecht bzw. naturgemäß ist.

PFERDE SIND HERDENTIERE

Unter natürlichen Bedingungen leben Pferde je nach Region und Umweltbedingungen immer in verschieden großen Herden, in denen eine klare Sozialstruktur herrscht. Die Verteilung von Funktionen innerhalb der Herde und der Herdenverband an sich sind für jedes Mitglied überlebenswichtig. Nur in der Herde ist das Einzeltier vor Angreifern geschützt und kann alle für sein Überleben notwendigen Verhaltensweisen ausüben. Das beginnt damit, dass das Einzeltier angst- und stressfrei fressen und schlafen kann, und endet damit, dass die Tiere miteinander spielen, Fellpflege betreiben, sich gegenseitig Schatten spenden, Fliegen vertreiben, sich vor Wind und Regen schützen.

PFERDE SIND FLUCHTTIERE

Pferde sind in der Natur Beutetiere für größere Raubtiere. Damit sie überleben können, sind sie mit der Fähigkeit zu hochsensiblen Sinneswahrnehmungen und einem jederzeit einsatzbereiten starken Fluchtinstinkt ausgestattet. Praktisch bedeutet das, dass Pferde allerkleinste Veränderungen in ihrer Umgebung wahrnehmen, und bei Veränderungen, die als gefährlich eingestuft werden, mit sofortiger Flucht reagieren. Um für kurze, sehr schnelle Sprints und möglicherweise auch notwendige längere Laufstrecken gerüstet zu sein, verfügen sie über ein starkes Herz und eine sehr leistungsfähige, große Lunge.

AdobeStock 318373885PFERDE SIND DAUERFRESSER

Ursprünglich sind Pferde Steppentiere. Häufig wechselt ein Überangebot an Futter während der Vegetationszeit mit einem kargen Angebot im Spätsommer, Herbst und Winter. Die Nahrungsgrundlage bilden Gräser, Kräuter und das Laub von Sträuchern. Daran angepasst, hat sich ein hochspezialisiertes Verdauungssystem entwickelt, das auf die kontinuierliche Zufuhr von Futter mit hohem Raufaseranteil angewiesen ist. Diese Spezialisierung bedingt jedoch auch eine hohe Störanfälligkeit des Verdauungssystems. Wichtig zu wissen ist, dass unsere mitteleuropäischen Pflanzengemeinschaften häufig ganz anders zusammengesetzt sind als die natürlichen Weidegründe von Pferden. Pferde fressen grundsätzlich direkt vom Boden. Ihr Körperbau ist an diese Bedingungen angepasst und kann Schaden nehmen, wenn die Fresshaltung dauerhaft verändert wird.

Bereits aus diesen drei grundlegenden Faktoren lässt sich ableiten, welche Kriterien der artgerechte Lebensraum unserer Pferde erfüllen sollte:

  • Leben im Herdenverband mit Artgenossen
  • Vorhandene Möglichkeiten, Sinnesreize wahrzunehmen
  • Ausreichend Bewegungsfläche
  • Licht und frische Luft
  • Angepasste Fütterung und Fütterungstechnik

Macht man nun den Praxischeck für gängige Haltungsmethoden, stellt man schnell fest, dass in vielen Fällen bereits diese grundlegenden und für die Pferdegesundheit wichtigen Kriterien nicht erfüllt werden.

HALTUNGSSYSTEME

Die nach wie vor häufigste Haltungsform ist die Einzelboxenhaltung, die sich als Verbesserung aus der traditionellen Anbindehaltung/Ständerhaltung entwickelt hat. Die dauerhafte Anbindehaltung von Pferden gilt gemäß den Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen (BMLEV, Juni 2009) inzwischen als tierschutzwidrig. Die Einzelbox gibt es in verschiedenen Varianten, z.B. als Innen- oder Außenbox, mit oder ohne Kleinauslauf. Auch hier lassen sich die Kriterien Licht, Luft, Bewegung und Sozialkontakt nur schwer erfüllen.
In den letzten Jahren hat sich bereits einiges getan: Es wurden verschiedene Haltungssysteme entwickelt, die sich an der Natur des Pferdes orientieren. Diese Optimierungen finden allerdings zum Teil nur auf einer Ebene statt (z.B. Gruppenhaltung im Innenbereich, Einzelbox mit Auslauf) oder es wird mehreren Ebenen Rechnung getragen (z.B. Gruppen-Offenlaufstall, Gruppen-Bewegungsstall). Im Gruppen-Offenlaufstall wird eine Pferdegruppe auf einer Auslauffläche gehalten und hat von dort aus freien Zugang zu einem Stall/Unterstand sowie zu Wasser und Futter. Im Bewegungsstall werden die einzelnen Funktionsbereiche räumlich voneinander getrennt, sodass die Pferde im Alltag zur Bewegung animiert werden. Jedes Haltungssystem hat Vorund Nachteile und stellt an die Pferdehalter verschiedene Ansprüche. Wenn Pferde in einer Gruppe gehalten werden, kommt dem Menschen die Aufgabe zu, das Zusammenleben in der Herde und die Bildung einer Rangordnung genau zu beobachten. Zudem muss kontrolliert werden, ob alle Gruppenmitglieder ausreichend Zugang zu Wasser/Futter haben und einen Stall/Unterstand nutzen können. Moderne, artgerechte Haltungskonzepte fordern vom Pferdehalter viel Fachwissen und Engagement. Der Beobachtungsaufwand, die richtige Interpretation des Pferdeverhaltens und eine immer wieder notwendige Kreativität, um für alle Gruppenmitglieder günstige Bedingungen zu schaffen, ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.
Wir können und sollten uns in der Schaffung des Lebensraumes unserer Pferde in der menschlichen Obhut möglichst weit den Bedingungen eines natürlichen Lebensraumes annähern. Dabei ist zu beachten, dass jedes Pferd einen individuellen Charakter hat und sich die Nutzung durch den Menschen von Pferd zu Pferd sehr unterscheidet. Die Anforderungen an ein Pferd sind also durchweg verschieden. Eine pauschale Beurteilung der Haltung ist damit nicht möglich, sodass individuell im Sinne des Pferdes die optimale Unterbringung gewählt werden sollte.
Je besser die plakativen Bedingungen Licht, Luft und Bewegung durch Sozialkontakt, Sinnesreize und Futter ergänzt und erfüllt werden, desto geringer ist die Krankheitsanfälligkeit von Pferden. Im Umkehrschluss kann durch die Optimierung der Haltungsbedingungen die Rehabilitation bei bereits vorhandenen Erkrankungen unterstützt werden.

BEISPIEL ATEMWEGSERKRANKUNGEN

Als Fluchttiere verfügen Pferde über eine Hochleistungslunge mit weit verzweigtem Bronchialsystem. Aufgrund der großen Oberfläche bietet sich Krankheitserregern eine leichte Eintrittspforte. Werden Pferde kontinuierlich der oftmals staubigen, teilweise sogar schadgasbelasteten Stallluft ausgesetzt, sind Atemwegserkrankungen vorprogrammiert. Eine Änderung der Haltungsbedingungen, z.B. durch AußenboxHaltung oder idealer eine Haltung mit Auslaufflächen, um die Lunge gut zu trainieren und zu „durchlüften“, können Erkrankungen verhindern bzw. eine notwendige medikamentöse und/oder Inhalationstherapie wirksam unterstützen.
Zur Linderung von Atemwegserkrankungen kann zudem eine angepasste Fütterungstechnik hilfreich sein. Für einen Heustauballergiker kann die Bedampfung des Heus oder Fütterung aus Heu-Spendern, die die Heuentnahme nur durch kleine Öffnungen ermöglichen und damit die Staubentwicklung reduzieren, entlastend auf die Atemwege wirken.

BEISPIEL KOLIKEN/MAGENGESCHWÜRE

Das Verdauungssystem des Pferdes ist für kontinuierliche Futteraufnahmen ausgelegt. Der Magen produziert ständig Magensäure, auch wenn kein Futter aufgenommen wird. Somit ist die Magenschleimhaut der Säure ständig ausgesetzt. Der Pferdehalter befindet sich also in einem Dilemma: Die in unseren Breiten vorkommenden Futtergräser sind häufig aufgrund ihrer Inhaltsstoffe nicht für Pferde geeignet, da sie energetisch zu hochwertig und zu proteinhaltig sind. Auch könnten die Pferde Übergewicht oder Stoffwechselerkrankungen entwickeln, wenn sie dieses Futter unbegrenzt aufnehmen würden. Auf zu lange Fresspausen reagiert das Verdauungssystem jedoch mit Koliken oder Magengeschwüren. Eine Haltungsänderung kann diese Situation entschärfen, z.B. wenn Heunetze mit enger Maschenweite verwendet werden, sodass die Pferde länger mit der Futteraufnahme beschäftigt bleiben.
Eine Haltung mit Artgenossen kann dazu führen, dass physiologisch richtige Ruhepausen und damit Fresspausen eingelegt werden, da kein Futterneid zum Boxennachbarn aufkommen kann. Eine Haltung auf Auslauf- oder Weideflächen kann die Möglichkeit zur (kontrollierten) Beschäftigung mit Ästen bieten und so die aufgenommene Menge an „hochwertigem“ Futter reduzieren.

BEISPIEL VERHALTENSPROBLEME/ PSYCHOSOMATISCHE ERKRANKUNGEN

Viele Pferde in Einzelhaltung zeigen Verhaltensauffälligkeiten, Reizbarkeit und psychosomatische Erkrankungen. Diese Problematiken sind meist Folgeerscheinungen des fehlenden Sozialkontaktes mit anderen Pferden sowie der mangelnden Beschäftigungs- und Bewegungsmöglichkeiten. Die Vergesellschaftung mit einem oder mehreren anderen Pferden und die Haltung in einem Auslauf können hier oft Wunder bewirken und bei organischen Erkrankungen schneller zur Heilung führen.

DER BLICK FÜR DAS NÖTIGE UND MÖGLICHE

Natürlich kann weder der Pferdebesitzer noch der Therapeut alle Ställe, die an der einen oder anderen Stelle nicht optimal gestaltet sind, sofort umgestalten. Es gibt jedoch in jedem Haltungssystem bzw. in jedem Stall viele kleine Stellschrauben, mit denen die Lebensbedingungen der Pferde optimiert werden können. Um diese zu erkennen, braucht es Kenntnisse über die Vor- und Nachteile der jeweiligen Systeme, über Pferdepsychologie, -ethologie und -anatomie sowie über die Entstehung von Krankheiten. Dem Pferdebesitzer helfen diese Kenntnisse, einen passenden Stall für sein Pferd auszuwählen; dem Therapeuten bieten diese Kenntnisse die Möglichkeit, im Bereich der artgerechten Pferdehaltung beratend tätig zu sein.

FAZIT

Eine artgerechte Lebensraumgestaltung bietet unseren Pferden sowohl physisch als auch psychisch viele Vorteile, denn die Optimierung der Haltungsbedingungen kann als unmittelbarer Schlüssel zur Gesundheit unserer Pferde angesehen werden.

Annette BarzANNETTE BARZ
DIPLOM-AGRARINGENIEURIN
TIERHEILPRAKTIKERIN

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE
Tierzucht, -haltung und -fütterung, Allergiebehandlung, Studienleiterin der Paracelsus Schule Leipzig

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