Körperarbeit als gesunde Beschäftigung für Hunde

20200927 170210v1Der Senior soll lange beweglich bleiben und der tapsige Junior ein Gefühl für Balance und Koordination bekommen. Die von Silke Stricker konzipierte Körperarbeit richtet sich an Hundehalter, die etwas suchen, das sie selbst ohne großen Aufwand für ihren Vierbeiner tun können. Physiotherapeuten kennen die Fragen besorgter Hundehalter, wie sie die Behandlung für ihren geliebten Vierbeiner unterstützen können. In vielen Fällen ist es gar nicht so leicht, etwas zu finden, das ohne entsprechendes Fachwissen empfohlen werden kann. Zu groß sind die Bedenken, dass es bei allem guten Willen dem tierischen Patienten am Ende eher schaden als nützen könnte. Die Tierärztin Silke Stricker kam durch ihre Hündin Mona auf die Idee der Körperarbeit, einer Kombination aus leichten Übungen für die Balance und Koordinationsfähigkeit mit geistiger Auslastung, die in Absprache mit dem Vet-Doc von Laien durchgeführt werden können.

ABGRENZUNG ZUR PHYSIOTHERAPIE

Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass es sich bei der Körperarbeit nicht um eine therapeutische Maßnahme zur Rehabilitation nach Operationen oder bei Erkrankungen des Bewegungsapparats handelt. Sie geht eher in Richtung einer gesunden Beschäftigung mit dem Hund. „Mir war bei der Konzeption wichtig, dass die einzelnen Übungen so niederschwellig wie möglich sind und dass auch jemand etwas mit seinem Vierbeiner machen kann, der nicht vom Fach ist“, erklärt die Tierärztin mit naturheilkundlichem Schwerpunkt. Den Anstoß dafür gab ihre Landseer-Hündin Mona. „Sie musste im Bereich der Koordination einiges lernen“, erinnert sich Silke Stricker und ergänzt: „Ich hatte bereits Erfahrung in der Physiotherapie und so ergaben sich Übungen aus diesem Ansatz heraus. In der Umsetzung habe ich festgestellt, dass es dabei um Themen geht, die auch für andere Hundehalter interessant sein könnten. Die Körperarbeit hat nur bedingt mit dem derzeit sehr beliebten Thema der Hundefitness zu tun. Als Laie müssen Sie viel Zeit investieren, um sich ein solides Basiswissen anzueignen. Ehrlicherweise muss man aber davon ausgehen, dass längst nicht jeder Hundehalter dazu bereit ist.“

20200930 130240LEICHTE ÜBUNGEN FÜR JEDERHUND

Silke Stricker kommt häufig zu Menschen, die ein älteres Tier haben und gerne etwas für dessen Beweglichkeit machen möchten. Andere wollen die Bindung zu ihrem Hund verstärken und suchen nach einer unkomplizierten Möglichkeit, etwas mit ihm gemeinsam zu machen. „Es soll einfach sein, aber dem geliebten Haustier gleichzeitig guttun“, fasst die Expertin die Anliegen der Halter zusammen. Ein weiterer Aspekt sei, dass besonders in der Physiotherapie häufig unterschätzt werde, wie wichtig der Mensch für die Genesung und das Wohlbefinden des tierischen Patienten ist, mit dem er zusammenlebt. „In der Therapie sind die Halter allzu oft nur passive Beobachter“, so Stricker. Genau da möchte sie mit der Körperarbeit ansetzen. Deshalb stellte die Tierärztin leichte Übungen zur Förderung der Balance und des Köperbewusstseins zusammen, die in Kombination mit speziellen Berührungen und sanften Massagen die Bindung stärken. Dabei verzichtet sie weitgehend auf Hilfsmittel: „Ich wollte Dinge nehmen, die jeder hat, z.B. ein Sofakissen oder ein zusammengerolltes Handtuch.“

THP 4 21 Page18 Image1CHECK-UP UND UMSICHT

Bei aller Motivation, dem Vierbeiner etwas Gutes zu tun, ist zu bedenken, dass gerade die Oldies oft das eine oder andere Zipperlein haben. Deshalb rät die Therapeutin: „Bevor Sie mit welchem Ertüchtigungsprogramm auch immer beginnen, sollte immer ein Gesundheits-Check-up durchgeführt werden. Sprechen Sie mit dem Therapeuten darü- ber, was Sie vorhaben und welche Übungen Sie ausgesucht haben.“ Befindet sich der Vierbeiner bereits in Physiotherapie, kann auch da im offenen Gespräch abgeklärt werden, was die Behandlung unterstützt.
Abgesehen vom Expertenrat bittet Stricker darum, immer genau zu beobachten, wie sich der Hund während der Körperarbeit verhält. Hat er Spaß daran? Ist er motiviert und macht gerne mit oder entzieht er sich? Wer, wenn nicht wir selbst, kennt den eigenen Hund am besten? Wenn der Vierbeiner sonst immer freudig alles mitmacht, was ihm angeboten wird, aber plötzlich lieber im Körbchen liegt, sich nicht mehr gerne anfassen lässt oder die Ohren auf Durchzug stellt, habe das immer eine Ursache, der auf den Grund gegangen werden sollte, bevor die Körperarbeit fortgesetzt wird.

GROBMOTORIKER, ARTISTEN UND HIBBELHUNDE

Nicht jeder Hund bewegt sich gazellenartig. Manche sind echte Grobmotoriker, andere einfach nur tapsig. Die Gründe dafür sieht Stricker zum einen in der Rassedisposition, zum anderen in Erfahrungen, die bereits als Welpe und Junghund gemacht wurden. Worauf durfte er laufen? Musste er klettern, kann er das überhaupt? Kann er seine Umgebung dreidimensional erleben? Ist er in der Lage, oben und unten sowie Entfernungen zu unterscheiden? Ist ihm bewusst, dass es auf der einen Seite eine Wand und auf der anderen einen Abgrund gibt? Daraus muss er den Schluss ziehen, wie er seine Pfoten zu setzen hat. In der Prägungsphase des Welpen bildet sich die Motorik aus und er lernt sich zu bewegen. Das lässt sich entsprechend fördern: „Ich fange in der Regel erst mit Junghunden im Alter von 4 – 5 Monaten und mit einfachen Übungen an. Natürlich kann ich Welpen spielerisch eine wackelige Oberfläche wie ein Sofakissen oder verschiedene Untergründe erkunden lassen. Sie dürfen immer selbst ausprobieren, schauen, untersuchen und entdecken. Da greife ich nicht weiter ein. Ich behalte nur im Blick, dass sie sich nicht verletzen oder unangenehme Erfahrungen machen“, so Silke Stricker.

PUBERTÄT UND WILDE ZEITEN

Spannend wird es, wenn die Youngster in die Pubertät kommen. Gerade dann sei die Körperarbeit besonders sinnvoll, meint Stricker. „Weil sie ihnen dabei hilft, sich zu fokussieren. Sie können nicht gleichzeitig schauen, was die Hundekumpels machen, und überlegen, wie sie die Pfoten setzen müssen, um nicht umzufallen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Das fördere die Balance und bringe gleichzeitig Gelassenheit in die Situation.
Ansätze, die sicher auch die Besitzer besonders aktiver Fellnasen schätzen, die bei Begriffen wie Impulskontrolle, Konzentration und Ruhe aufhorchen. Bei solchen Exemplaren wählt Silke Stricker Übungen, die sie kurz aushalten können, dafür aber öfter ausführen müssen, z.B. die Vorderpfoten irgendwo draufstellen und diese Position von Mal zu Mal länger halten. Zur Belohnung setzt sie Leckerli oder Futtertuben ein, „weil Lecken entspannt“.
Gelassenheit sei auch bei den Zweibeinern gefragt: „Nicht Tempo und Ehrgeiz, sondern der Spaß steht im Vordergrund. Wenn man sich nur eine oder zwei Übungen raussucht, diese sorgfältig aufbaut und durchführt, ist viel erreicht“, so Stricker.

BEWEGLICH BIS INS HOHE ALTER

Viele Halter machten den Fehler, ihre Oldies zu schonen. Doch wer rastet, der rostet, meint die Expertin: „Bei Senioren empfehle ich, die Bewegung nicht runterzufahren, sondern so lange wie möglich einen täglichen Rhythmus zu behalten. Wenn sich dann zeigt, dass sie das nicht mehr können, ist eine gute Diagnostik durch den Therapeuten gefragt.“
Besonders wichtig seien Trainingseinheiten, die der Hinterhand als „Motor“ die nötige Kraft geben bzw. diese so lange wie möglich erhalten. „Hinten haben wir die schnelle Kraft mit dem Schub der Bewegungsenergie nach vorne. In der Vorderhand werden andere Bereiche der Muskulatur angesprochen, weil darauf das Gewicht lastet, wenn der Hund steht“, fasst sie zusammen. Weil ältere Semester sich nicht mehr so viel bewegen, setzt sich schnell ein Teufelskreis in Gang: Weniger Bewegung heißt weniger Energie von hinten als Schub, der gebraucht wird, und dadurch weniger Muskelkraft, die aktiviert wird. Sie baut sich ab und hat nicht mehr die Energie für einen guten Antrieb, was wiederum weniger Bewegung zur Folge hat. Wie bei Übungen mit Welpen gilt auch bei grauen Schnauzen: „Sich nicht gleich komplette Einheiten vorzunehmen. Effektiver sind kleine Schritte. Nicht die Länge ist entscheidend, vielmehr die regelmäßigen Wiederholungen. Der tierische Partner soll nicht die Lust verlieren, sondern Spaß am Mitmachen haben.“

THP 4 21 Page19 Image1KÖRPERARBEIT MIT DEM HUND
Koordination verbessern, Balance stärken, Bindung vertiefen
SILKE STRICKER
ANIMAL LEARN VERLAG
ISBN 978-3936188752

CLAUDIA HÖTZENDORFER
DIPL.-JOURNALISTIN

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE
Autorin und Lektorin, Herausgeberin des Online-Magazins Duesseldogs.de, Schwerpunkte: Ernährung, Gesundheit und Forschung

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