Mikrospridien - Infektionen bei Aquarienfischen
Die Pleistophorose, auch bekannt unter den Synonymen Neon Tetra Disease (NTD) oder Neonkrankheit, stellt eine schwerwiegende parasitäre Erkrankung von Aquarienfischen dar. Sie wird durch einen intrazellulären, obligat parasitischen Mikroorganismus verursacht, genauer gesagt durch die Mikrosporidie Pleistophora hyphessobryconis. Dieser Erreger ist durch die Bildung von Sporen gekennzeichnet, die den Wirt infizieren.
Bemerkenswert ist die unterschiedliche Anfälligkeit eng verwandter Arten. Der Rote Neonsalmler (Paracheirodon axelrodi) zeigt eine ausgeprägte Resistenz gegen die Infektion im Vergleich zum anfälligen Neonsalmler (P. innesi). Experimentelle Beobachtungen, wonach P. axelrodi-Individuen in Aquarien überleben, in denen P. innesi-Individuen an Pleistophorose verendeten, deuten auf das Vorhandensein einer genetisch bedingten Resistenz hin.
Ätiologie und anfällige Arten
Die Infektion breitet sich primär auf fäkaloralem Weg aus, wobei der Fisch Sporen aus kontaminierter Nahrung oder seiner Umgebung aufnimmt (ingestiert). Der Verzehr infizierter, verendeter Fische (Kannibalismus) ist ebenfalls ein wichtiger Übertragungsweg, v. a. unter beengten Bedingungen oder bei Nahrungsknappheit. Nach der Ingestion werden die Sporen im Verdauungstrakt des Wirts aktiviert und setzen Sporoplasmen frei. Diese dringen in die Wirtszellen ein, wo sie sich replizieren und zu zahlreichen Sporen entwickeln. Anschließend entstehen Zysten, besonders im Muskelgewebe. Obwohl die Krankheit primär mit dem Neonsalmler (Paracheirodon innesi) in Verbindung gebracht wird, befällt sie ein breites Spektrum von Aquarienfischen. Zu den anfälligen Arten gehören auch andere Salmler (z. B. Rotkopfsalmler – Hemigrammus rhodostomus) sowie Bärblinge und Rasboras. In einigen Fachquellen wird erwähnt, dass diese Krankheit auch Cichliden (einschließlich Diskus – Gattung Symphysodon), Lebendgebärende und den Goldfisch (Carassius auratus) befällt. Auch wenn es sich um untypische Wirte handelt, wurde die Infektion bei ihnen bestätigt. In der Praxis hatte ich jedoch noch keine Gelegenheit, einen Fall außerhalb von Salmlern und kleinen karpfenartigen Fischen zu beobachten.
Man könnte sagen, dass Mikrosporidien kleine Fischarten als Wirte bevorzugen, aber das ist nicht ganz richtig. Die Tatsache, dass die Krankheit fast ausschließlich bei diesen Fischen auftritt, ist auf ihre Schwarmlebensweise und nicht auf die Größe ihres Körpers zurückzuführen. Der Parasit wird innerhalb einer Gruppe auf engem Raum leichter übertragen – und logischerweise ist seine Prävalenz bei Arten höher, die das Leben im Schwarm als natürliche Notwendigkeit betrachten.
Klinische Anzeichen und Pathogenese
Die Infektion mit der Mikrosporidie Pleistophora hyphessobryconis kann latent verlaufen, wobei die Sporen monate- oder sogar jahrelang im Körper des Fisches verbleiben. Es kann auch vorkommen, dass die Krankheit während des gesamten Lebens des Fisches nicht in eine manifeste Form übergeht. Der Wechsel von der latenten in die aktive Phase ist oft mit Stressfaktoren verbunden, die zur Schwächung des Immunsystems führen. Typischer Auslöser ist Transportstress, was das häufige Auftreten der Krankheit kurz nach der Ankunft der Fische in Zoofachgeschäften oder neuen Aquarien erklärt. Die anfänglichen Symptome sind sehr unspezifisch. Sie können das Scheuern an Gegenständen (Anzeichen von Pruritus oder Unbehagen) umfassen, jedoch sind mit bloßem Auge zunächst keine Veränderungen auf der Körperoberfläche zu erkennen. Das erste sichtbare und diagnostisch wichtige Anzeichen ist das Auftreten weißer oder grauer Läsionen (Zysten mit Sporen) in der Muskulatur. Die Herde treten typischerweise im Rückenbereich auf, häufig direkt unter der Rückenflosse. Die Läsionen breiten sich rasch aus und stören die Pigmentierung, was zum Verlust der typischen Färbung führt. Die Färbung der nicht betroffenen Körperpartien kann normal bleiben. Bei Schwarmfischen kommt es erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium zur Trennung vom Schwarm. Das Ausscheiden aus der Gruppe ist ein sehr verlässliches Anzeichen für eine gestörte Gesundheit oder eine körperliche Schädigung. Ein kranker bzw. verletzter Fisch wird zur Zielscheibe für Raubtiere. Die Gruppe schützt sich, indem sie ein solches Individuum ausschließt, das die Sicherheit des gesamten Schwarms gefährden könnte. Es ist also nicht das kranke Individuum, das die Gruppe verlässt – vielmehr verlässt die Gruppe es. Die Pathogenese ist dadurch gekennzeichnet, dass der Parasit die Skelettmuskulatur befällt und sich vom Verdauungstrakt aus nach oben ausbreitet. Daher treten die ersten Symptome im Rückenbereich auf. Interessanterweise befällt P. hyphessobryconis nicht primär lebenswichtige Organe wie das Herz oder die glatte Muskulatur der inneren Organe. Dieser selektive Tropismus deutet darauf hin, dass der Parasit den Wirt gezielt am Leben erhält, bis eine ausreichende Menge reifer Sporen gebildet ist. Nach dem Tod des Fisches werden diese Sporen zur Quelle neuer Infektionen in der Umgebung. Infizierte Fische behalten häufig den Flucht- und Futterreflex bis kurz vor ihrem Tod bei.
Unterschied zwischen NTD und FNTD
Es ist wichtig, zwischen der echten Neonkrankheit (NTD), verursacht durch die Mikrosporidie Pleistophora hyphessobryconis (unheilbar), und der falschen Neonkrankheit (FNTD) zu unterscheiden, die ähnliche klinische Anzeichen zeigt. Die FNTD wird durch eine bakterielle Infektion verursacht – am häufigsten Flexibacter columnaris (auch bekannt als Flavobacterium columnare). Dieses Bakterium stellt den häufigsten bakteriellen Erreger in der Zierfischzucht dar. In der Praxis ist es unerlässlich, alle Fälle als echte NTD zu behandeln, bis das Gegenteil bewiesen ist. Spricht die Erkrankung auf eine Behandlung mit antibakteriellen Präparaten an, kann sie nachträglich als FNTD klassifiziert werden. Jeder Fall, bei dem die Therapie erfolglos bleibt und die Mortalität weiterhin hoch ist, muss grundsätzlich als unheilbare NTD angesehen werden.
Akute und chronische Krankheitsform
Beide sind gleichermaßen gefährlich und die Mortalität der infizierten Individuen ist sehr hoch.
AKUTE FORM
Die akute Form verläuft sehr schnell und ist stark letal. Sie wird v. a. bei Paracheirodon innesi und Verwandten beobachtet.
Charakteristik: Nach dem Auftreten klinischer Anzeichen kann die Mortalität bis zu 100 Prozent betragen. Der Tod tritt innerhalb von 24–48 Stunden nach den ersten sichtbaren Symptomen ein. Die Geschwindigkeit der Krankheitsprogression wird durch Umweltfaktoren wie die Wassertemperatur beeinflusst. Diese Form tritt typischerweise in Situationen auf, in denen der Fisch starken Stressfaktoren ausgesetzt war, z. B. infolge drastischer Umweltveränderungen oder kurzfristiger Exposition gegenüber anoxischen Bedingungen.
Ausbreitung der Infektion: Der tote Körper des Fisches wird sofort zum Reservoir der Krankheit und setzt eine große Menge infektiöser Sporen in die Wassersäule frei. Die Sporen sind äußerst widerstandsfähig und können ihre Infektiosität über mehrere Monate aufrechterhalten. Daher kommt es häufig zu wiederholten Infektionen.
CHRONISCHE FORM Der chronische Verlauf ist langsamer und tritt bei widerstandsfähigeren oder größeren Wirten auf, bei denen der Krankheitsverlauf abgeschwächt oder verzögert ist.
Klinische Anzeichen: Die Symptome entwickeln sich allmählich und umfassen auffälliges Verhalten (z. B. Trennung vom Schwarm), Abmagerung, Farbverlust und Wirbelsäulendeformationen. Charakteristisch sind weißliche Herde in der Muskulatur, an denen sich die Mikrosporidien entwickeln. Diese Läsionen sind v. a. bei Fischen mit transparenter Körperwand gut erkennbar.
Pathologische Entwicklung: Die weißen Herde entsprechen Bereichen, in denen dystrophische Veränderungen des Muskelgewebes auftreten. Trotz massiver Präsenz des Parasiten bleibt die Reaktion der Wirtsmuskulatur gering; es dominieren regressive pathologische Prozesse, v. a. der Zerfall von Muskelfasern.
Zeitrahmen: Todesfälle treten in einem längeren zeitlichen Horizont auf. Üblicherweise innerhalb weniger Wochen nach den ersten Anzeichen, im Gegensatz zur blitzschnellen akuten Form.
Minderwertiges Futter als Krankheitsursache?
Der weit verbreitete Mythos, dass Pleistophorose durch die Fütterung von Fischen mit minderwertigem Futter entsteht, ist wissenschaftlich unbegründet. Diese Krankheit wird weder durch eine bakterielle Infektion noch durch Nährstoffmangel verursacht, sondern hat einen parasitären Hintergrund. Eine Infektion kann nur nach der Ingestion (Verschlucken) der Sporen des Parasiten erfolgen. Selbst wenn die Fische mit qualitativ schlechtem Futter ernährt würden, könnte die Krankheit ohne das Vorhandensein von Parasitensporen in der Umgebung oder im Futter nicht ausbrechen. Die Futterqualität ist also nicht die Ursache der Erkrankung. Dennoch spielt das Futter eine indirekte Rolle: Erstens kann kontaminiertes Lebendfutter aus unsicheren Quellen als Vektor wirken und die Sporen in den Verdauungstrakt des Fisches übertragen. Zweitens führt eine langfristig minderwertige Ernährung zur Schwächung des Immunsystems. Ein angeschlagener Fisch ist weniger in der Lage, aufgenommene Parasitensporen im Darm abzuwehren, was eine unkontrollierte Entwicklung des Parasiten und den Ausbruch der tödlichen akuten Form begünstigt. Das Futter verursacht die Krankheit also nicht direkt – es wirkt als Vektor oder Stressfaktor, der dem Parasiten ermöglicht, sich im Wirt zu etablieren und die Erkrankung dann gezielt zum Ausbruch zu bringen.
Prävention und Sanierung
Derzeit existiert keine kommerziell verfügbare Behandlung der Pleistophorose mit nachgewiesener Wirksamkeit gegen Pleistophora hyphessobryconis. Daher sind Prävention und strikte sanitäre Maßnahmen von entscheidender Bedeutung. In der Vergangenheit wurde mit der Anwendung von Fumagillin als möglicher therapeutischer Substanz experimentiert. Obwohl dieser Stoff gegen andere Mikrosporidien aktiv ist, zeigt er keine ausreichende Wirksamkeit zur Eliminierung des Parasiten aus der Muskulatur infizierter Fische. Fumagillin (oft unter dem Handelsnamen Fumidil B vertrieben) ist das primäre Medikament zur Behandlung der Nosemose in der Imkerei. Die Krankheit bei Honigbienen wird durch Mikrosporidien der Gattung Nosema (N. apis und N. ceranae) verursacht. Die Pleistophorose gilt bei Fischen nach wie vor als unheilbare Infektion. Zur Eindämmung der Krakheitsausbreitung und zur Verhinderung von Reinfektionen wurde in der Vergangenheit als vorbeugende Maßnahme die Verwendung eines dichten Netzgewebes erprobt. Es wurde auf den Boden
des Aquariums gespannt und verhinderte den Kontakt der Fische mit infektiösen Sporen, die sich auf dem Bodensubstrat abgesetzt hatten. Hinsichtlich des Managements ist es wichtig zu beachten, dass experimentelle Ergebnisse darauf hinweisen, dass ein höherer pH-Wert (idealerweise im Bereich von 7,2-7,5) und eine niedrigere Temperatur (optimal 23-24 °C) das Fortschreiten der Krankheit hemmen können. Diese Temperatur ist jedoch für den Roten Neonsalmler (Paracheirodon axelrodi) ungeeignet, kommt aber dem Neonsalmler (Paracheirodon innesi) entgegen. Die genannten Parameter stellen eine grundlegende präventive Maßnahme in der Zucht dar. Eine besonders interessante Beobachtung stammt vom Ichthyologen Stanislav Frank, der die Möglichkeit beschreibt, die Ausbreitung der Krankheit durch chemische Intervention einzudämmen. Seinen Angaben zufolge kann der Infektionsdruck durch die Zugabe von Speisesoda (Natriumhydrogencarbonat – NaH-CO3) zum Aquarienwasser sehr deutlich reduziert werden. Experimentelle und empirische Beobachtungen bestätigen, dass eine Dosierung von einem Esslöffel pro 50 Liter Wasser (1 EL / 50 L) das Auftreten neuer Krankheitsfälle wirksam verhindern kann. Es ist jedoch entscheidend zu betonen, dass dieses Verfahren ausschließlich der Kontrolle der Umgebungsinfektion dient – wahrscheinlich durch Veränderung des pH-Werts und der osmotischen Bedingungen, welche die Sporen destabilisieren. Eine kurative Wirkung auf infizierte Fische besteht nicht. Tiere mit klinischen Symptomen (symptomatische Individuen) können nicht geheilt werden und sterben mit hoher Wahrscheinlichkeit. Die Wirksamkeit dieser Methode ist somit präventiv und beschränkt sich auf die Verhinderung der Ausbreitung der Infektion auf die noch gesunden Individuen. Da die Sporen außerordentlich widerstandsfähig sind, ist im Falle eines Ausbruchs eine vollständige Desinfektion des Aquariums und der gesamten Ausrüstung unerlässlich. Hierzu eigenen sich starke Desinfektionsmittel wie Natriumhypochlorit oder Chloramin T, gefolgt von gründlichem Spülen und vollständigem Trocknen, um sämtliche Sporen zu eliminieren.
Hypothese der Resistenz von Paracheirodon axelrodi
Eine gängige Theorie besagt, dass P. axelrodi über stärkere Verdauungsenzyme verfügt, die in der Lage sind, die Proteinhülle der Sporen zu denaturieren oder deren Keimung zu hemmen. Eine weitere Hypothese könnte eine unterschiedliche Oberflächenstruktur der Enterozyten oder eine robustere Schleimhautimmunität (MALT-System) von P. axelrodi sein, welche die Adhärenz und Penetration der Sporoplasmen verhindert. Zur Klärung dieses Phänomens sind detaillierte vergleichende Studien der Verdauungsphysiologie und Immunhistologie beider Fischarten erforderlich. Der genetische Einfluss auf den Krankheitsverlauf ist evident und sehr wichtig für Züchter. Wenn einzelne Fische trotz hohen Infektionsdrucks überleben, ist es wahrscheinlich, dass sie eine natürliche Immunität oder eine ausgeprägte Resistenz besitzen. Durch die Beibehaltung dieser überlebenden Individuen in der Zucht und deren gezielte Kreuzung ist es möglich, innerhalb von drei Generationen eine selektierte Fischlinie zu etablieren, die eine hohe Resistenz gegen Pleistophorose aufbaut. Dieses Prinzip der selektiven Zucht stellt eine vielversprechende langfristige Strategie dar, um die durch diesen unheilbaren Parasiten verursachten Verluste zukünftig zu reduzieren.
Fazit
Angesichts der hohen Virulenz des Parasiten und der Tatsache, dass die Pleistophorose bis heute unheilbar ist, besteht die einzige effektive Strategie in strikter Prävention und sofortigem Handeln.
Akute Fälle enden oft innerhalb von 24–48 Stunden tödlich.

ANDREJ JAKUBIK
Schriftsteller, Aquaristik-Spezialist
Diagnose, Prävention und Behandlung von Aquarienfischen
andrejjakubik@gmail. com