Fallstudie - Geschwächtes Immunsystem
ERNÄHRUNGSUMSTELLUNG BEI SUNNY
Sunny ist eine etwa 7 kg leichte Chilenische Foxterrier-Hündin, die 2020 geboren wurde. Als sie zu mir kam, hatte sie bereits einen langen Leidensweg hinter sich.
Sunny und ihre Geschwister wurden stark geschwächt in einem Wald gefunden und liebevoll aufgepäppelt.
Vorgeschichte
Als Baby, kaum eine Woche alt, wurde Sunny zusammen mit ihren Wurfgeschwistern im Wald gefunden. Die Welpen waren stark unterkühlt und so geschwächt, dass sie nicht einmal wimmern konnten. Trotzdem hatten sie Glück – sie wurden rechtzeitig entdeckt und mit viel Geduld sowie Liebe aufgepäppelt. Da es sich um Rassehunde handelte, denen man leider die Ruten dilettantisch amputiert hatte, und da sie nahe der Grenze aufgefunden wurden, vermuteten die alarmierten Tierschützer, dass es sich um einen illegalen Welpentransport aus Osteuropa handelte, den jemand in Panik ausgesetzt hatte. Obwohl die Welpen in einem kritischen Zustand waren, unter Spulwurmbefall und Milben litten, konnten sie gerettet und später erfolgreich vermittelt werden. Als Sunny zu ihrer jetzigen Halterin Stephie kam, war sie knappe drei Monate alt. Bald zeigte sich, dass Sunnys Immunsystem stark geschwächt war. Sie litt immer wieder an Bindehaut- und Blasenentzündungen. Ihr Verdauungssystem war schwer beeinträchtigt, sodass sie nach jeder Futteraufnahme an Verdauungsproblemen litt. Häufige Tierklinikbesuche folgten – ausgelöst durch schleimige Durchfälle und heftige Bauchschmerzen, die zeitweise so stark waren, dass Sunny vor Schmerz kaum noch reagierte. An Tagen, wo die Schmerzen für den Hund erträglich waren, kuschelte sich Sunny zu Stephie ins Bett, legte ihren Bauch in deren Hand und wollte gestreichelt werden. Trotz ihrer schlimmen Vorgeschichte hat Sunny eine enge, vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Menschen aufgebaut. Nur in der Rutengegend mag sie nicht gerne berührt oder von anderen Hunden beschnüffelt werden – dort sitzt das Trauma der Amputation tief.
Medizinische Behandlung
Anfangs linderten Tierärzte Sunnys Schmerzen mit Metamizol, einem mittelstarken, nicht-opioidalen Analgetikum, das häufig bei Koliken eingesetzt wird. Im weiteren Verlauf stellte sich heraus, dass Sunny an einer chronischen Pankreatitis litt – einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse, die unbehandelt chronisch werden und zu einer exokrinen Pankreasinsuffizienz führen kann. Symptome sind Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfälle und Fettstuhl. Die Behandlung besteht in der Substitution von Pankreasenzymen, meist vom Schwein gewonnen, die in Pulverform über das Futter verabreicht werden. Auch hier war es schwierig, ein Präparat zu finden, das Sunny vertrug, da ihr Darm extrem empfindlich reagierte. Schließlich half ein Enzympräparat aus Schweinepankreas, das sie für immer einnehmen muss. Denn sobald die Einnahme von Pankreatin begonnen wird, stellt die Bauchspeicheldrüse ihre Eigenproduktion ein – eine lebenslange Substitution ist daher notwendig.
Vorstellung in meiner Praxis
Als Sunny zu mir kam, hatten sie und Frauchen Stephie bereits eine jahrelange Suche nach dem passenden Futter und unzählige Ernährungsumstellungen hinter sich. Inzwischen waren sie bei Trockenbarf, ergänzt mit selbstgekochten Karotten und Kartoffeln, angekommen. Zusammen mit dem Pankreasenzym hielt die Ernährung Sunnys Verdauung einigermaßen stabil. Was blieb, waren regelmäßige Bauchschmerzen und Sodbrennen – dazu kam sporadischer Durchfall, v. a. wenn Sunny etwas fraß, das für sie nicht optimal war. Auch zeigte sich in ihrem Verhalten ein deutlich eingeschränktes Allgemeinbefinden. Hunde-Popcorn war damals das einzige Leckerli, das Sunny vertrug – alles andere verursachte sofort Verdauungsbeschwerden. Die Herausforderung bestand darin, diesen empfindlichen Hund auf eine artgerechte und zugleich verträgliche Ernährung umzustellen, um ihre Symptome nachhaltig zu lindern.

Im Alter von drei Monaten kam Sunny zu ihrer Besitzerin Stephie.
Epigenetiker gehen davon aus, dass Menschen und Tiere mittlerweile mehr als ein Drittel ihrer ursprünglichen Mikrobiomvielfalt verloren haben.
Ursachenforschung
Die Ursache für die immer wiederkehrenden Verdauungsprobleme lag aufgrund ihrer Vorgeschichte auf der Hand: Da die Welpen ohne Mutter (und somit ohne Muttermilch) aufwuchsen, hatte Sunny keine Möglichkeit, ein gesundes Darmmikrobiom aufzubauen. Die Muttermilch spielt eine entscheidende Rolle bei der Erstkolonisation des Darms und liefert sowohl wichtige Immunfaktoren als auch präbiotische Nährstoffe für nützliche Darmbakterien. In der Humanmedizin wird davon ausgegangen, dass eine gestörte Erstkolonisation des Darms die Entstehung zahlreicher chronischer Erkrankungen begünstigt. Etwa 80 Prozent des Immunsystems sind im Darm lokalisiert und hängen maßgeblich von einer ausgewogenen Zusammensetzung der Darmflora ab, v. a. von Lactobazillen, Bifidobazillen, Enterokokken und bestimmten Stämmen von Escherichia coli. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Sunnys Immunsystem beeinträchtigt war. Zudem benötigte sie große Futtermengen, um ihren Energiehaushalt aufrechtzuerhalten, da sie Nährstoffe nur eingeschränkt verwerten konnte. Dementsprechend war auch ihr täglicher „Output“ erhöht.
Ohne ein funktionierendes Mikrobiom ist der Darm nicht in der Lage, die Nährstoffe aus der Nahrung effizient aufzuschließen und an den Organismus weiterzugeben.
Ohne funktionierendes Mikrobiom ist der Darm nicht in der Lage, die Nährstoffe aus der Nahrung effizient aufzuschließen und an den Organismus weiterzugeben.
Das Darmmikrobiom
Zu den bekannten Funktionen der Darmbakterien gehören – neben Verdauung und Energiegewinnung – die Förderung der Barrierefunktion, die Modulation des Cholesterin- und Gallensäurestoffwechsels, Bildung von B-Vitaminen, Entgiftung von Medikamenten, Verhinderung des Eindringens pathogener Keime sowie deren Abtötung durch antimikrobielle Substanzen. Zudem tragen sie zur Verminderung von Entzündungsreaktionen bei. Zu den Störfaktoren des Darmmikrobioms zählen – neben dem Fehlen von Muttermilch und Kolostrum – eine unausgewogene oder falsche Ernährung, Konservierungsstoffe, Zucker, Medikamente (z. B. Wurmkuren), Antibiotika, Umweltgifte und Stress. In den meisten industriell hergestellten Hundefuttern finden sich nicht nur schwer verdauliche Zutaten, sondern häufig auch Konservierungsmittel und Zucker. Zudem enthalten viele Fertigfutterprodukte deutlich zu wenig Gemüse und damit zu wenig Ballaststoffen, die für die Ernährung der „guten“ Darmbakterien unerlässlich sind und das Mikrobiom im Gleichgewicht halten. Auch die Tatsache, dass Sunny aufgrund ihrer Krankengeschichte bereits zahlreiche Medikamente und Antibiotika bekommen hat, und die chronische Erkrankung selbst eine erhebliche Stressbelastung für den kleinen Körper darstellt, hat ihr Darmgleichgewicht zusätzlich beeinträchtigt. Bei manchen Tieren reicht eine einzige Antibiotikabehandlung aus, um den Darm langfristig zu schädigen. Die Folgen eines gestörten Darms sind vielfältig: Häufig reagieren Hunde mit Blähungen, chronischem Durchfall, IBD, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Juckreiz, schuppiger Haut, Ekzemen, entzündeten Ohren oder sogar Autoimmunerkrankungen. In der Humanmedizin werden Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes, Asthma, Angststörungen, Antriebslosigkeit, Multiple Sklerose, kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs und Depressionen mit einem gestörten Mikrobiom in Verbindung gebracht.
Umstellung auf die physiologische Fütterung
Eine ausgewogene Hundeernährung muss nicht kompliziert sein. Der Hund ist ein Omnivor mit Tendenz zum Karnivor – das bedeutet, dass sein Verdauungssystem dem des Menschen ähnelt, er jedoch einen höheren Fleischanteil in seiner Nahrung benötigt. Für eine optimale Ernährung sollten etwa 60 Prozent Fleisch und 40 Prozent Gemüse den Hauptanteil bilden, ergänzt durch etwas Fett und Mineralstoffe.
Vorbereitung – Stabilisierung des Darms
Bevor Sunnys Ernährung umgestellt wurde, musste ihr Darmmikrobiom aufgebaut und stabilisiert werden. Eine abrupte Futterumstellung hätte sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vertragen. In der ersten Woche starteten wir vorsichtig mit einer Messerspitze Zeolith (Klinoptilolith), die täglich unter das gewohnte Futter gemischt wurde und über mindestens sechs Monate verabreicht werden sollte. Zeolith besitzt neben seiner entgiftenden Wirkung auch entzündungshemmende Eigenschaften und hilft, die Darmschleimhaut zu schützen. Nebenbei versorgt es den Körper mit Silizium, einem sehr wichtigen Spurenelement für Gewebe und Zellstrukturen.
Aufbau des Mikrobioms
Nach der ersten Woche kamen Probiotika hinzu. Um eine möglichst hohe Vielfalt an Darmbakterien aufzubauen, verwende ich bevorzugt Effektive Mikroorganismen (EM). Während viele handelsübliche probiotische Präparate nur wenige Bakterienstämme enthalten, liefern Effektive Mikroorganismen bis zu 18 verschiedene Stämme. Dadurch hat der Organismus die Möglichkeit, das Gleichgewicht selbst wiederherzustellen, indem sich jene Stämme ansiedeln, die benötigt werden. Großer Vorteil dieser Methode ist, dass keine teure Laboranalyse des Mikrobioms nötig ist – wir vertrauen auf die Selbstregulation des Darms. Wichtig ist eine ausreichend lange Gabezeit: Die Mikroorganismen sollten mindestens drei Monate, in schweren Fällen (wie bei Sunny) deutlich länger und täglich verabreicht werden. Wird die Einnahme zu früh beendet, können sich die Bakterien nicht dauerhaft ansiedeln und die Therapie bleibt ohne Erfolg. Stephie gab Sunny die Effektiven Mikroorganismen über sechs Monate hinweg täglich ins Futter – mit sichtbarem Erfolg: Sunnys Verdauung wurde zunehmend stabiler und auch gleichmäßiger.
Die Ernährungsumstellung
Nach einem halben Jahr wagten wir den nächsten Schritt: frisches Fleisch. Da Sunny bisher Trockenbarf mit Pferd als Proteinquelle erhielt, blieb diese Eiweißquelle bestehen, um die Umstellung so schonend wie möglich zu gestalten. Da Sunny zu Sodbrennen neigt und ihr Magen kein rohes Fleisch gewohnt war, wurde das Pferdefleisch zunächst gegart. Dazu kamen die bereits vertauten Komponenten: gekochte Karotten und Kartoffeln. Zur Abrundung jeder Mahlzeit gaben wir einen Teelöffel Dorschöl aus Wildfang hinzu, um die Versorgung mit essenziellen Omega-3-Fettsäuren sicherzustellen. Diese unterstützen nicht nur das Darmmikrobiom, sondern auch zahlreiche weitere Funktionen im Körper: Gehirn (Konzentration, Gedächtnis, Stimmung), Nervensystem, Bewegungsapparat, Herz-Kreislauf-System, Augen und Stoffwechsel. Zudem wirken Omega-3-Fettsäuren entzündungshemmend und fördern die Regeneration der Haut. Ich empfehle Dorschöl aus Wildfang, da Fische in Aquakulturen meist keine Algen mehr fressen und somit kaum Omega-3-Fettsäuren liefern.
Fermentiertes Gemüse kann auch leicht selbst hergestellt werden, z. B. mit Weißkohl, Chinakohl, Gurken oder Karotten. Dazu gibt es viel hilfreiche Literatur.
Der Weg zur Frischfütterung
Nachdem Sunny die Umstellung von Trockenbarf auf gekochtes Fleisch gut vertragen hatte, hielten wir diese Ernährung mehrere Wochen lang konstant. Ihre Bauchschmerzen wurden deutlich seltener, sie nahm an Gewicht zu, die Stuhlkonsistenz normalisierte sich. Acht Wochen nach der Umstellung begannen wir langsam, Fleisch anteilig roh zu füttern – weiterhin kombiniert mit Gemüse und den gewohnten Zutaten. Als auch das funktionierte, wurde Sunny neun Monate nach ihrem ersten Praxisbesuch vollständig auf Frischfütterung umgestellt. In den ersten Tagen reagierte ihr Magen mit Sodbrennen, da er sich an das Rohfutter gewöhnen musste. Die neue Konsistenz war für Sunny zunächst ungewohnt. Ich vergleiche das mit einem Kind, das immer nur Ravioli gegessen hat und plötzlich frisches Gemüse bekommt – neue Geschmäcker und Konsistenzen brauchen etwas Zeit. Schon nach wenigen Tagen fraß Sunny mit großem Appetit und wartete ungeduldig, wenn Stephie ihr Futter zubereitete.
Ergebnis
Sunnys Verdauung ist heute stabil. Selbst als sie neulich ein Bratwürstchen vom kalten Grill stibitzte – ein früherer Worst Case – reagierte ihr Körper völlig unproblematisch. Sunny ist inzwischen so fit, dass sie mit Begeisterung und Erfolg an Agility-Wettkämpfen teilnimmt und bereits Preise gewonnen hat. Nach ihrem schwierigen Start ins Leben hätte das niemand erwartet – doch Sunny ist eine Kämpferin und hat in ihrem Frauchen die perfekte Unterstützung gefunden.
Ist-Situation und Zukunft
Manchmal hat Sunny nach dem Fressen zu viel Energie und wird übermütig – ein schönes Zeichen ihrer Vitalität, aber auch ein Hinweis darauf, dass wir ihre Ernährung weiter feinjustieren dürfen. Daher steht nun der nächste Schritt in der Ernährungsanpassung an.
Derzeitige Ernährung
Die kohlenhydrathaltigen Kartoffeln bleiben auf dem Speiseplan. Sie zählen zu den basenbildenden Lebensmitteln und enthalten reichlich Kalium und Mineralstoffe, die bei Sodbrennen helfen, überschüssige Magensäure zu binden. Zudem schützen ihre natürlichen Schleimstoffe die Magenschleimhaut – Eigenschaften, die Sunnys empfindlichen Magen unterstützen.
Nächster Schritt: fermentiertes Gemüse
Der nächste geplante Schritt in der Fütterung ist der Austausch der zuckerhaltigen Karotten gegen Sauerkraut. Sauerkraut ist fermentiertes Gemüse, daher leicht verdaulich und reich an Milchsäurebakterien (Lactobazillen) – eine ideale Unterstützung für den Darm. Der regelmäßige Verzehr von fermentiertem Gemüse trägt zur Stabilität des Darmmikrobioms bei und unterstützt eine gesunde Verdauung.
Fazit
Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ein Update zu Sunnys Gesundheitszustand bekomme und sehe, wie großartig sie sich in der Zwischenzeit entwickelt hat. Bauchschmerzen, Durchfall und Sodbrennen gehören längst der Vergangenheit an. Ich bin sehr stolz auf Sunny und ihr Frauchen Stephie, die diese Behandlung so konsequent umgesetzt hat. Denn selbst die beste Therapie steht und fällt mit der Compliance von Herrchen oder Frauchen. Für die Zukunft empfehle ich Stephie, einmal jährlich eine Kur mit Effektiven Mikroorganismen durchzuführen, um Sunnys Darmgesundheit langfristig zu unterstützen. Außerdem ist geplant, nach und nach weitere Proteinquellen
Eine Krankheit kann viele Väter haben, aber ihre Mutter ist die falsche Ernährung.
und Gemüsesorten in Sunnys Ernährung einzuführen, um eine möglichst abwechslungsreiche und ausgewogene Fütterung gewährleisten zu können. Durch die Umstellung auf eine physiologische Ernährung haben wir auch die Grundlage für eine gesunde Zukunft geschaffen. Denn wie heißt es in einem chinesischen Sprichwort so schön: „Eine Krankheit kann viele Väter haben, aber ihre Mutter ist die falsche Ernährung.“ Physiologisch gefütterte Hunde haben weniger Verdauungsbeschwerden, Allergien, Hauterkrankungen, Parasiten und allgemein weniger Erkrankungen. Dafür ein schöneres Fell, besseren Atem und vitalere Zähne, ein ausgeglicheneres Wesen, sie sind gesünder und leben länger. Das macht Tier und Mensch glücklich.

SASKIA BORNATH
Tierheilpraktikerin
Ernährungsberatung, Onkologie, Dentalhygiene, Chiropraktik, Grooming