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Schmerzverhalten und Verhalten - Warum Hunde schmerzen anders zeigen

Indianer zeigen keinen Schmerz – Hunde auch nicht, zumindest nicht so, wie wir das erwarten. Wenn ich bei der Verhaltensanalyse meine Klienten frage, ob sie es merken, wenn ihr Hund Schmerzen hat, dann suchen sie in ihrem Gedächtnis nach Zeichen wie Humpeln, Jammern oder Aufheulen. Das basiert auf den klassischen Äußerungen, die Menschen nutzen, um Schmerz zu signalisieren. Bei Schonhaltungen im Gehen, Stehen, Liegen oder bei Meideverhalten und Bewegungssparsamkeit wird es schon schwammiger. Sobald das Schmerzverhalten, das ein sehr breiteres Spektrum umfasst, abweicht vom menschlichen Schmerzausdruck, werden keine Schmerzen vermutet. Es ist verständlich und menschlich, denn niemand möchte, dass sein Vierbeiner leidet. Daher wird dieser Gedanke erst einmal verdrängt, denn es könnte ja andere Ursachen für das schwierige Verhalten des Hundes geben. Das ist tatsächlich so, aber diese Gründe wären leichter trainierbar. Deswegen ist das Schmerzthema ein heikles, zähes Thema in der Erstberatung, der weiteren Betreuung und beim Training.

Links: Die Hündin hatte bei der Aufnahme dieses Bildes mit Sicherheit keinen guten Moment. Die Augen sind nur noch Schlitze, es gibt Falten auf dem Oberkopf und die Kopfstruktur sieht „knöchern“ aus. Rechts: Ein Bild derselben Hündin an einem besseren Tag.

Verhaltensrepertoire

Was sind nun die häufigsten und deutlichsten Zeichen dafür, dass man die Schmerzen hinterfragen sollte? Manches Verhalten entsteht erst während einer Schmerzphase und bleibt oft erhalten, auch wenn der Schmerz wieder verschwunden ist, da das Verhalten in der Vergangenheit zur Erleichterung oder Ventilierung geführt hatte. Darüber hinaus spielt das Schmerzgedächtnis hierbei eine wichtige Rolle. Es braucht eine schmerzfreie Frist, diese komplett verschwinden zu lassen. Deshalb bedarf es zur Schmerztherapie immer ein zusätzliches wirksames Training. Grundsätzlich, wenn das Verhalten sehr groß, laut, kraftvoll und schnell ist und die Besitzer täglich mehrmals an ihre Grenzen oder darüber gebracht werden, gehen meine Vermutungen in diese Richtung. Das geschieht logischerweise öfter bei Hunden, die mehr als 20 kg wiegen, als beim Kleinhund. Wenn kleine, leichte Hunde sich wild gebärden, kann jeder erwachsene Hundeführer sie mit Leichtigkeit halten und eingrenzen, ohne selbst das Gleichgewicht zu verlieren. Der kleine Hund wird vielleicht mehr bellen, als einem lieb ist, aber das wird dann oft mit „Größenwahn“ abgetan. Häufig wird bei kleineren bellenden Hunden erst reagiert, wenn das soziale oder Wohnumfeld gereizt reagiert. Mit anderen Worten: Kleinere Hunde leiden häufig länger unter Schmerzen als größere Hunde, weil bei denen der Leidensdruck des Menschen höher wird. Große, schwerere Hunde hingegen können uns zu Boden ziehen, sich losreißen und anderen Menschen oder Hunden zu einer echten Gefahr werden. Ein weiteres, deutliches Zeichen ist ein verallgemeinertes unsicheres bis ängstliches Verhalten. Das sind die Hunde, die sich nach zwei Jahren Eingewöhnung immer noch mit Angst und Zittern von alltäglichen Reizen ausbremsen lassen. Sie kommen nicht mit neuen, oft auch nicht mit gewöhnlichen Reizen klar, haben Angst vor Menschen, Geräuschen, Nähe, Berührungen, beim Autofahren und vorm Alleinsein. Nichts im Zusammenleben mit ihnen geht ohne sorgfältiges Planen und Überlegen. Natürlich gibt es dies in stärkerem und geringerem Maß, aber wenn trotz Eingewöhnung, Sozialisierung und Training die Angst nicht oder nur sehr geringfügig weniger wird, sollte man den Hund untersuchen lassen und die Schmerzen abklären. Das sind Hunde, die permanent in Überlebensmodus sind, was das Immunsystem stark beansprucht und weitere Gesundheitsprobleme nach sich ziehen kann. Häufige Faktoren in diesem Bild sind: Reizbarkeit, kaum Belastbarkeit, keine Resilienz, sehr geringe Trainierbarkeit sowie Lernfähigkeit. Wenn ich höre, dass ein hoher Trainingsaufwand nur sehr beschränkt fruchtet, dann ist es interessant zu hören, wie und was trainiert wurde und ob der Hund im Training mitarbeitet, wie lange er durchhalten kann, wie er reagiert, wenn er überfordert wird, und wie lange er braucht, sich davon zu erholen. Bei Hunden, die eine lange Erholungszeit brauchen, kann man davon ausgehen, dass sie wenige oder keine Reserven haben: weder körperlich noch nervlich oder mental. Zu wenig Energie oder Kraft sieht man auch daran, dass er morgens lange schlafen würde, wenn man ihn lässt, oder das morgendliche Gassigehen verweigert. Wenn der Hund das Pech hat, zu einer aktiven oder Arbeitsrasse zu gehören, dann wird er häufig körperlich überfordert, wenn er unerkannte und unbehandelte Schmerzen hat: große Gassitouren, sportliche Aktivitäten wie Joggen, Fahrrad fahren oder unterschiedliche Hundeschulaktivitäten beanspruchen sein Bewegungssystem übermäßig. Man erhofft sich mehr Ruhe im Haus oder ein Erfüllen seiner rassebedingten Eigenschaften. Das Motto „mehr bringt mehr“ kann gerade eine schädigende und überfordernde Wirkung auf den Körper des schmerzgeplagten Hundes nach sich ziehen. Wenn wir Glück haben, zieht er einfach nicht mit und verweigert die Aktivität – eventuell sehr körperlich und

Diesem Hund stehen die Schmerzen ins Gesicht und den Körper geschrieben. Er hat die meiste Zeit seines Lebens mit hochgezogenem Rücken verbracht, wodurch es aussah, als würde er auf Stelzen laufen. In seinem 9. Lebensjahr wurde endlich erkannt, dass er Probleme an der Wirbelsäule hat.

Ein neues Hundeleben nach effektiver Schmerzbehandlung mit anschließender Physiotherapie zum Muskelaufbau.

Fallstudie Podenco-Mix aus Portugal
Der Hund wurde von sportlichen Menschen adoptiert. Sie absolvierten mehrstündige Skitouren, bei denen er nebenher lief, fuhren Fahrrad mit ihm oder unternahmen Bergwanderungen. Er machte sportlich mit. Das Laufen liegt in seinen Genen. Ihr einziges Problem mit dem Hund war, dass er massive Leinenreaktivität und Aggression gegenüber Hunden und fremden Menschen zeigte. Es gab drei Beißvorfälle bei Menschen. Nach einem Intensivtraining drängte ich auf Untersuchung des Skeletts, zumal er kurz vor und nach der intensiven Trainingswoche zwei dramatische schlaflose Nächte hatte. Das Röntgenbild des 6-jährigen Rüden war verheerend: Beide Hüftgelenke zeigten dermaßen Knochenschwund, dass nur ein beidseitiger Hüftersatz Erleichterung bringen konnte. Dies wurde nach der Intensivwoche durchgeführt. Ein gutes Jahr später – nach der zweiten Hüftoperation – kam er wieder ins Training, das jetzt sichtbar Wirkung zeigte. Durch das selbstwirksame Begegnungstraining gewann er deutlich an Sicherheit und Selbstsicherheit, langsam verschwand das Schmerzgedächtnis und er konnte in ein neues Leben starten. Ich darf mir nicht vorstellen, was mit ihm passiert wäre, wenn sich ehrgeizige Trainer an ihm abgearbeitet hätten, damit das Verhalten reduziert wird.

deutlich. Wenn wir Pech haben, würde er bis zum letzten Herzschlag mit uns Sport treiben.

Schmerzen beim jungen Hund

Bei jungen Hunden ist ein fahriges, rastloses und impulsives Verhalten nicht selten ein Zeichen für Schmerzen. Ja, Sie hören richtig: Auch junge Hunde oder Welpen kommen nicht immer perfekt auf die Welt. Es will nur niemand annehmen, dass der verrückte, durchgedrehte Welpe vielleicht seinen Stresszustand körperlich ventiliert. In der Tat decken sich die äußeren Zeichen von Schmerzen mit jenen von Stress, denn nichts anderes ist es, was Schmerzen im Nervensystem generieren: Stress – und bei chronischen Schmerzen: Dauerstress.

Genügsame Hunde

Es gibt auch Hunde, die sehr genügsam sind. Sie sind ruhig, sparsam in der Bewegung, freuen sich gedämpft, meiden Trubel, müssen nicht unbedingt die Spaziergänge mögen, liegen am liebsten in einer warmen Kuhle auf dem Sofa und genießen die ruhigen Aspekte des Lebens. Sie sind unauffällig, „anspruchslos“ und bewegen sich häufig unterhalb des Radars, wenn es um das Entdecken von Schmerzen geht.

Traumata in der Jugend

Körperliche Traumata in der Jugend sind häufig für ein späteres Verhalten verantwortlich. Welcher Junghund macht nicht mal dumme Sachen mit seinem Köper: Er knallt an einen Baum, in einen Zaun, spielt mit Artgenossen, taumelt von einer Böschung oder macht eine Kopfrolle beim Ballspiel. Danach schüttelt er sich, Frauchen und Herrchen sind erleichtert, und weiter geht‘s. Auch die Welpenspielgruppe ist eine sichere Quelle für frühkindliche körperliche Traumata.

Agressionsverhalten

Die Hunde, die ein aggressives Verhalten zeigen und zubeißen, mit blutiger Folge (egal, ob die Blutung äußerlich oder innerlich ist), würde ich auch auf Schmerzen untersuchen lassen. Und zwar gründlich, denn hier steht viel auf dem Spiel. Hunde, die zupacken, schütteln oder nicht loslassen, befinden sich in einer Rage und sind sehr gefährlich für Mensch und Tier. Befreit man sie von Schmerzen, kommt ein neuer Hund zum Vorschein. Eine mutige Aussage, ich weiß, aber ich würde es mir für jeden bissigen Hund wünschen. Selbstverständlich sind manche Hunde auch aufgrund des Umgangs und der Trainingsmethoden so geworden, aber ziemlich wahrscheinlich schwingt auch hier die Schmerzproblematik mit. Stellen Sie sich vor, jeder schwierige oder gefährliche Hund bekäme erst einmal den Vorteil des Zweifels. Diesen Vertrauensvorschuss, mit der Möglichkeit, herauszufinden, dass er dieses Verhalten nicht zeigt, weil er bösartig oder dumm ist. Wie oft würde man nicht feststellen, dass die wirklich wirksame Trainierbarkeit erst greifen kann, wenn der Hund stress- und schmerzfrei ist. Das waren nur einige Beispiele von Verhaltensmustern, die möglicherweise auf Schmerzen hinweisen können. Natürlich sollte man sich nie an nur einem der Symptome festbeißen, denn meistens kann man mit der Lupe eines Detektives ganze Cluster von Verhalten entdecken. Mit anderen Worten: Ein Problemverhalten tritt nie allein auf.

Äußerliche Zeichen

Natürlich kann man am Hundekörper auch äußerliche Zeichen erkennen: unruhige Fellmuster, Fellwirbel, abgescheuertes Fell durch viel Wälzen und Kratzen, Kopfschütteln, veränderte Pigmentierung, asymmetrische Gesichtszüge, „Schmerzgesicht“, schiefe Sitzund Stehhaltung, Entlastungen sowie abenteuerliche Schlafpositionen. Wenn das Gangbild bereits stark abweicht, tut es dem Hund schon lange sehr weh. Dann sollte man nicht warten, sondern den Hund untersuchen und therapieren lassen, denn solche Probleme verschwinden nicht von allein. Im Gegenteil, sie fräsen sich tiefer ins Bewegungssystem hinein und ziehen weitere Körperteile in Mitleidenschaft. Ich empfehle meinen Klienten, sich nicht zu schnell mit „Das ist halt ein junger Hund“-Diagnosen abzufinden. Noch weniger mit „Er ist eben schon etwas älter“. Holen Sie sich eine zweite oder dritte Meinung, und wenn alle Stricke reißen, besprechen Sie mit Ihrer Tierarzt- oder Tierheilpraxis eine sichere, gut überlegte Schmerztherapie, die unterschiedliche Schmerzen ansprechen würde, wenn Schmerz vorhanden wäre. Natürlich nacheinander und nicht gleichzeitig, denn es gibt Schmerzmittel für unterschiedliche Schmerzquellen. Wahrscheinlich werden Sie feststellen, wie sich das Verhalten verändert.

Fallstudie Pepe
Manche Hunde sind still und leise, zeigen dennoch sehr großes Verhalten, wenn sie sich aus dem Moment wegbeamen. Manchmal nennt man dieses Verhalten „autistisch“, und tatschlich sieht es so aus. Ich denke da an Pepe, einen Mittelpudel, der als Therapiehund gewünscht war. Er war etwas hibbelig als Junghund und hatte Probleme mit dem Lernen, wurde dennoch als ausbildungsfähig eingestuft, und das Geld für die Therapieausbildung wurde überwiesen. Die Anfänge stellten sich sehr schwer dar, er hat nur bedingt kooperiert, und wenn, dann mit sehr kurzen Aufmerksamkeitsspannen. Deswegen sollte er mit mehr Konsequenz und Härte trainiert werden. Die meiste Zeit an der Leine verbrachte er in Schräghaltung und auf Dauerzug. Er wollte weg. Er konnte sich kaum an seinem Menschen orientieren, und wenn die Reize sich häuften – Wind, Sonnenstrahlen, Laub, das im Sonnenlicht glitzerte, Gerüche, die wir nicht wahrnehmen können – dann fror er ein. Er hatte solche Aussetzer, als wenn jemand seine zentrale Schaltstelle abgedreht hätte. Minutenlang stand er da, blickte in den Himmel oder in die Ferne, legte die Ohren an, war nicht erreichbar für stimmliche Einwirkung, Berührungen vermied er, Nähe auch. Kein Wunder, dass wir als Mensch da von Autismus reden. Wir haben Pepe gründlich orthopädisch untersuchen lassen, und es wurde festgestellt, dass er aufgrund eines stumpfen Traumas in der Vergangenheit Clusterkopfschmerzen hatte. Diesbezüglich wurde er therapiert. Der weitere Werdegang von Pepe war zum Glück ein positiver, wenn auch mit vielen Hürden und etwas Zeit. Die Ausbildung wurde nicht durchgeführt.

Dann sollte man sich auf eine wirksame Therapie festlegen. Bedenken Sie, dass 3 Monate Schmerzen beim Hund vergleichbar sind mit 2 Jahren beim Menschen. Wie würde es Ihnen gehen, wenn es kein Entkommen gäbe?

Weg mit den Etiketten

Zum Thema Verhalten möchte ich hinzufügen, dass es vollständig kontraproduktiv ist, Hunden ein Prädikat zu geben wie „der Angsthund“, „der Hibbelhund“, „die Krawallschachtel“, „der Dickschädel“ etc. Häufig wird dies noch mit seiner Rassezugehörigkeit, seinem Alter und seinen Ahnen kombiniert: „Der Züchter sagt, er kommt nach seinem Vater.“ Bei Hunden, die in Südspanien aus einem Graben gerettet wurden, wird ein Leben lang der Graben und die herzlosen Menschen die Ursache für sein ängstliches Verhalten bleiben, wobei eine Schmerztherapie augenöffnend sein könnte. Es steht außer Frage, dass diese Hunde traumatisiert sind, aber so oft schon habe ich gestaunt, wie gut und schnell sich ein Hund von diesem Trauma erholt, wenn er in einem schönen und gewaltfreien Umfeld landet. Schmerzen jedoch behindern die Heilung des Traumas. Dieses kann nicht heilen, wenn der Körper einen Dauerstressor in sich trägt. Ebenfalls beeinflussen diese Adjektive – sicherlich manchmal liebevoll gemeint – unseren Umgang mit diesen Hunden. Es wird den Hunden nichts mehr zugetraut, das von seinem Prädikat abweicht oder – schlimmer noch – es verändert den Umgangston beim „Sturkopf“ und beim „dominanten“ Hund. Man hätte Pepe auch einen Sturkopf nennen können. Er hatte aber Gewitter im Hirn. Ich kann dies nicht genug oft betonen: Weg mit den Etiketten, sie schaden Umgang und Training, und nehmen dem Hund so viele Chancen weg.

Überforderung und Nebenwirkungen von Schmerz

Wir wissen nur zu gut, was Dauerstress bei Menschen verursachen kann: Reizbarkeit, Depression, Unsicherheit, reduziertes Selbstbewusstsein, gedrosselte Lebensfreude, einen eingeschränkten Lebensradius. Wir aber können uns äußern, zum Arzt gehen, etwas aus dem Arzneischrank nehmen und zumindest zeitweise unser Schmerzproblem lösen. Hunde sind davon abhängig, ob es 1) erkannt wird, 2) eine taugliche Diagnose erfolgt und 3) eine Therapie erfolgen kann, die ihnen auf Dauer den Schmerz nimmt. Es sind die Erfahrungen in überfordernden Situationen, die durch negative Erwartungen das Verhalten steuern. Das heißt, dass ein wildes, lautes, muskulöses Verhalten uns sagen will: „Ich kann das hier so nicht.“ Oder: „Was du mit mir vorhast, überfordert mich.“ Das Verhalten drückt Überforderung aus, und wenn der Anspruch nicht weggenommen wird, kommt Verzweiflung ins Spiel. Das Nervensystem wird dauerhaft strapaziert und kommt meistens nicht genug zur Ruhe und Regeneration. Dadurch entsteht ein permanentes Energiedefizit. Abwehr und Vitalität schwinden, bis irgendwann der Körper mit Krankheiten reagiert: Nicht selten entwickeln diese Hunde multiple Allergien und Futtermittelunverträglichkeiten, Bauchspeicheldrüsenentzündungen, Schilddrüsenunterfunktion oder ein komplett gereiztes Verdauungssystem. Das sind weitere Baustellen, die zusätzliche Schmerzen, Juckreiz oder Diskomfort nach sich ziehen. Dann wird gerne vom „Montagshund“ gesprochen, und angefangen hat es vielleicht, weil er als Welpe von einer Mauer getaumelt ist. Wenn Sie diese Annahme überspitzt finden mein Klientel setzt sich zum großen Teil aus solchen Fällen zusammen, und der Durchbruch kommt oft nach der Schmerztherapie. Heute ist es so, dass ich den Klienten meistens auch eine gründliche Magen- und Darmsanierung mit gesunder Futterumstellung nahelege. Das ist zum dritten Standbein in meinem Verhaltenstraining geworden.

Soll man denn gar nicht trainieren?

Bei dieser Frage spielt auch das Schmerzgedächtnis eine Rolle. Natürlich sollte man dem Hund mit neuem Verhalten helfen, das alte abzulegen, denn im Laufe seiner Schmerzlaufbahn entwickelt der Vierbeiner (auch der Mensch) Verhaltensweisen, die ihm erst einmal das Leben erleichtern: Schonhaltungen, Bewegungsabläufe und -intensitäten, die nicht so weh tun, Verhalten, mit dem er ventilieren kann. Wir gehen davon aus, dass dieses stark körperliche Verhalten dem Hund zur Ausschüttung von Adrenalin und in Folge von Cortisol verhilft und er dadurch temporär weniger Schmerzen empfindet. Denken Sie an den Hund, der dauerhaft im Galopp über die Wiese läuft, nach Mäusen buddelt oder schwere Stöcke schleift, wenn er abgeleint wird. Diese Aktionen aktivieren Muskeln und Nervensystem, und werden auf Dauer zum „Joint“. Deshalb werden sie immer permanenter und heftiger. Im Bereich des Trainings bedeutet dies, dass der Hund lernen sollte, sich ruhig zu bewegen, sein Hirn einzuschalten und zu kooperieren – dafür sollte er eine Belohnung bekommen. Mein Motto am Anfang ist: Sehr leichtes Verhalten abfragen (Blickkontakt) und fürstlich belohnen. Durch die Wiederholungen bekommen wir irgendwann das Verhalten spontan angeboten, und schon haben wir einen Fuß in der Tür. Der Hundebesitzer braucht dazu etwas mehr Stille im Kopf, Geduld und gute Anleitung. Solches Training biete ich via Onlinebegleitung an, da es am besten wirkt, wenn der Hund in seiner gewohnten Umgebung trainieren kann. Nach und nach fügt man Verhalten hinzu, in kleinen Schritten erhöhen wir den Anspruch, und die Belohnung erfolgt immer, aber nicht mehr so fürstlich. Wenn der Hund parallel therapiert wird, kann man zuschauen, wie sich sein Wesen, seine Bewegungen und seine Regeneration verändern – zum Positiven – in Tagen, nicht Monaten. Training sollte fordern und fördern, aber nicht überfordern, und das ist bei Schmerzen fast immer der Fall.

Wo bekommt man Hilfe?

Die meisten Dauerschmerzen kommen aus dem Bewegungsapparat und dem Skelett. Die anderen Krankheiten, wie Allergien und Magen-Darm-Probleme, werden viel früher erkannt durch Durchfall, Erbrechen oder dauerhaftes Kratzen in der Nacht. Der Schmerz im Skelett ist der stille Stressor. Daher empfehle ich einen Besuch beim orthopädischen Tierarzt, beim Heilpraktiker, der sich auf Schmerzen oder orthopädische Krankheiten spezialisiert hat, beim Osteopathen oder Physiotherapeuten. Rechnen Sie damit, dass bildgebende Diagnostik unabdingbar werden kann, und planen Sie diese ein. Es ist meine Vision, dass ich mit dieser Sichtweise Hundeprofis erreiche und verdeutlichen kann, dass Hunde sich nicht „daneben“ verhalten, weil es ihnen Spaß macht, uns das Leben zu erschweren. Sie verhalten sich, wie sie sich verhalten, weil manchmal der normale Alltag sie überfordert. Der Schmerz muss weg!

Viele Verhaltensprobleme sind stille Schmerzsignale. Wenn der Schmerz erkannt und behandelt wurde, kann ein Hund wieder entspannt leben. Meine Vision: Der Schmerz muss weg!

KATRIEN LISMONT
Hundetrainerin

Hundeverhaltenstraining, Tellington TTouch®, Autorin