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Physiotherapie im Alter - Mehr Lebensqualität für Seniorentiere

Physiotherapie bei Senioren – macht das in diesem Alter überhaupt noch Sinn? Diese Frage höre ich regelmäßig, wenn mich Tierhalter das erste Mal kontaktieren. Meine Antwort ist „Ja“, denn hier geht es um eine Notwendigkeit. Unsere Tiere begleiten uns ein Leben lang. Sie sind unsere treuen Freunde. Gerade deshalb haben sie es verdient, an ihrem Lebensabend optimal versorgt und betreut zu werden.

Der 25-jährige Wallach Rudi profitiert von der Massage. Vor allem im Alter genießen es Pferde, wenn sie eine spezielle Fürsorge und Pflege erhalten.

Altersbedingte körperliche Veränderungen

Physiotherapie hilft nicht nur bei bestehenden altersbedingten, degenerativen Beschwerden und Verschleißerscheinungen, sie kann auch präventiv eingesetzt werden. Mit dem Alter ergeben sich viele körperliche Veränderungen: Es finden zunehmend Abbau- statt Aufbauprozesse statt. Die Beweglichkeit ist eingeschränkt, die Muskeln atrophieren (die Muskelmasse nimmt ab), es treten vermehrt Verspannungen und Verhärtungen auf, es kommt zum Gelenkverscheiß. All das verursacht Schmerzen und allgemeines Unwohlsein, was den Bewegungsdrang und das Lebensgefühl der alten Tiere stark beeinträchtigt. Osteoarthrosen, Spondylosen, degenerative Veränderungen an Knochen und Gelenken sowie Folgen von Gelenksdysplasien sind die häufigsten Gründe, die Beschwerden verursachen. Die Regenerationsphase dauert viel länger und nimmt generell ab, auch die Belastbarkeit des Herz-Kreislauf-Systems sinkt, was wiederum zu einem allgemeinen Leistungsabfall führt und die Bewegungslust hemmt. Bei Hundesenioren ist aufgrund des Verlustes von Muskelfasern, zunehmender Fibrose und verminderter Sauerstoffversorgung fast immer eine Muskelatrophie festzustellen. Das führt zur erhöhten Belastung für Knochen und Knorpel, die Gelenke werden instabil. Auch die Knorpelfunktion nimmt im Alter ab, sodass die notwendige Stoßdämpfung eingeschränkt wird.

Wirksamkeit von Physiotherapie im Alter

Regelmäßige Physiotherapie ist jederzeit sinnvoll, auch wenn sich beim alten Hund noch keine Problematik bemerkbar gemacht hat. Muskelaufbau wirkt präventiv den altersentsprechenden Gelenkbeschwerden entgegen. Ziel der Physiotherapie in der Geriatrie ist nicht, einen extremen Leistungsaufbau zu erarbeiten. Vielmehr geht es darum, Beweglichkeit zu verbessern, motorische Fähigkeiten zu erhalten bzw. wieder herzustellen und so die Lebensqualität des Tieres zu steigern. Das wirkt sich auch enorm auf die Psyche des Tieres aus, und das ist ein wichtiger Aspekt, wenn die Tiere merken, dass ihre körperlichen Fähigkeiten altersbedingt nachlassen. Denn natürlich wollen sie weiterhin an allem wie bisher teilhaben und im Alltag „Schritt halten“. Wenn das nicht mehr funktioniert, entsteht Frust und sie altern noch schneller. Anatomisch betrachtet sollte das erste Ziel von Physiotherapie sein, die Muskulatur zu stärken bzw. zu erhalten oder sie aufzubauen, um umliegende Strukturen zu entlasten. Entsprechend sollten Mobilisierung der Gelenke und Funktionsverbesserung der Muskulatur im Vordergrund der Behandlung stehen. Je besser trainiert und vorbereitet ein Tier in die Altersphase eintritt, desto mehr lassen sich Alterungsprozesse verlangsamen. Die durchzuführenden Übungen sollen keine außergewöhnlichen „Turneinheiten“ darstellen, sondern effizient auf den Hund abgestimmt sein. Ich arbeite mit alten Tieren beim Muskeltraining gerne mit Balance-Pads. Bewegungsradius und -aufwand ist dabei angemessen und ein effektives Training der Tiefenmuskulatur gegeben. Je nach Fitnesslevel des alten Hundes kann dabei auf einer Höhe und Härte anspruchsvoll trainiert werden. Die Erfolge motivieren das Tier, sodass es zur Ausschüttung von Glückshormonen kommt. Zusätzlich wirkt sich das gemeinsame Erlebnis positiv auf die Beziehung zwischen Mensch und Tier aus. Der alte Hund bekommt wieder das Gefühl, „nützlich“ zu sein und etwas gut gemacht zu haben. Wichtig ist, dass die Übungen keine Schmerzen verursachen. Entsprechend darf das Training nicht bis zum Endpunkt ausgereizt werden. Gezielte Dehnungen und passives Bewegen helfen, die Gelenkbeweglichkeit zu erhalten.

Schmerztherapie

Die Schmerztherapie stellt einen weiteren entscheidenden Behandlungsaspekt dar. Denn weniger Schmerzen vermindern eine sich einstellende Fehlbelastung und damit Fehlstellungen, sodass auch umliegende Strukturen und Gelenke entlastet werden. Schmerzreduktion erreicht man durch gezielte Massagen, Wärmebehandlungen oder den Einsatz von Geräten wie z. B. der lokalen Vibrationstherapie, Ultraschall und Elektrotherapie. Auch Taping kann eine kontinuierliche Entlastung bringen und unterstützend wirken.

Physiotherapie bei alten Pferden

Bei Besitzern von alten Pferden ist die Physiotherapie ein großes Thema. Die Haltungskosten sind ohnehin schon hoch. Insbesondere im Alter genießen es Pferde, wenn sie eine spezielle Fürsorge und Pflege erhalten, und das unterstützt ein regelmäßiges Training, damit ihnen ein vernünftiger Allgemeinzustand erhalten werden kann. Wichtig ist, das Trainingsprogramm auf die Fähigkeiten des Pferdes abzustimmen und genau hinzusehen, um das Tier nicht zu überfordern. Seniorentraining kann genauso vielfältig sein wie die Arbeit mit einem Jungpferd, nur mit anderem Fokus. Beim Bewegungstraining ist die Aufwärmphase elementar. Bei älteren Pferden dauert es länger, bis sie in Gang

Sanfte Bewegung und gezielte Physiotherapie helfen dem alten Hund, beweglich zu bleiben und seine Lebensfreude zu bewahren.

kommen, sich Muskeln, Bänder und Sehnen geschmeidig anfühlen und die Gelenkschmiere verteilt. Hierbei muss man mit 20, maximal 30 Minuten rechnen. Wenn ein Pferd nicht mehr reitbar ist, kann Spazierengehen eine optimale, abwechslungsreiche Beschäftigung sein. Leichte, konstante Bewegungen mit eingebauten „Schwierigkeiten“ wie Wechsel des Tempos bei der Gangart, eine Strecke mit verschiedenen Untergründen oder ein kleiner Slalom um Bäume können Programmpunkte sein. Bodenarbeit ist ebenfalls erlaubt – auch hier wird mit Fokus auf den Schritt gearbeitet. Stangentraining ist eine willkommene Alternative, kräftigt Rücken und Hinterhand. Gewichtsverlagerungen im Stand schulen die Koordination und sprechen die Tiefenmuskulatur an. Verzichten sollte man beim Bewegungstraining mit einem alten Pferd auf Galopp, Überspringen von Gangarten und enge Wendungen. Rückwärtsbewegungen sollten nur in Maßen durchgeführt, bei Arthrose in der Hinterhand gänzlich vermieden werden. Massagen, Dehnungen und passives Bewegungstraining führen bei alten Pferden zu Entspannung. Sie beugen Verspannungen und Verhärtungen der Muskulatur vor, lösen diese und helfen, das Lebens- und Bewegungsgefühl des Pferdes zu steigern. Sehr hilfreich sind Faszienrollen, die einfach handzuhaben sind. Diese gibt es in verschiedenen Formen und Ausführungen, sie werden von Tieren gerne angenommen. Auch Taping am Pferd hat einen begleitenden Therapieeffekt und unterstützt das Tier nach der Trainings-/ Therapieeinheit. Gerade ältere Tiere empfinden es als stabilisierende Unterstützung, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken.

Fazit

Physiotherapie kann alten Hunden sowie Pferden dabei helfen, gute Lebensqualität und Beweglichkeit zu erhalten. Denn für Tiere ist Bewegung Leben!

Bei der geriatrischen Physiotherapie geht es darum, die Beweglichkeit zu verbessern, motorische Fähig-/Fertigkeiten zu erhalten bzw. wieder herzustellen und so die Lebensqualität des Tieres zu steigern.

GEORGINA LÖPRICH-GRÄSSLER
Tierheilpraktikerin

Tierphysiotherapie, Tierpsychologie, Tierverhaltenstherapie, Kinesio-Taping

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