Serie: Persönlichkeitsmerkmale - Risiko- bzw. Schutzfaktoren bei Traumata

Die Erforschung der Persönlichkeit und von Persönlichkeitstypen in der Humanpsychologie ist ein schwieriges Gebiet. Bei Hunden, mit denen man nicht in unserer Sprache sprechen und die keine Fragebögen ausfüllen können, ist die Sache komplizierter und anfälliger für Fehler.
Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass das Temperament eines Hundes angeboren ist und nicht wesentlich verändert werden kann. Da Temperament allein noch keine Persönlichkeit ausmacht, müssen Faktoren wie der individuelle Charakter, Herangehensweisen an Probleme und unbekannte Situationen, Gefühle und Stimmungen, nicht zuletzt individuelle Erfahrungen und äußere Einflüsse mit einbezogen werden. Bei Hunden kann man die meisten Informationen gewinnen, indem man ihr Verhalten in neuen, ihnen unbekannten Situationen untersucht.

DAS SHYNESS-BOLDNESS-MODELL

Dieses Modell wird auch 2-Typen-Modell genannt, da es verschiedene Hunde in zwei Kategorien, nämlich den A-Typ und den B-Typ, einteilt.

A-TYP

Der A-Typ wird als der mutigere von beiden angesehen. Er zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus:

  • Neuen, unbekannten Situationen und Gegenständen gegenüber ist er neugierig und aufgeschlossen, zeigt kein bzw. kaum Meideverhalten.
  • Er ist gesellig und sucht den Kontakt zu Artgenossen, anderen Tieren und Menschen. Dabei macht er sich nicht immer nur Freunde, geht einem Streit nicht unbedingt aus dem Weg. Häufig handelt er zuerst und denkt hinterher nach. Dabei kann es vorkommen, dass er auch hohe Risiken eingeht und sich dabei verletzt oder verletzt wird.
  • Der Hund besitzt ein gutes Selbstbewusstsein und ist häufig nicht leicht zu lenken bzw. zu beeinflussen. Wird er zu sehr begrenzt und eingeschränkt, kann er das als Kontrollverlust empfinden.
  • Allgemein bedeutet es für diesen Hund großen Stress, wenn er sein Leben nicht unter Kontrolle hat und seine Umwelt für ihn nicht kontrollierbar ist.
  • Die Frustrationstoleranz ist sehr gering.
  • Die Stresshormone, die hier die Hauptrolle spielen, sind Adrenalin und Noradrenalin, auch der Neurotransmitter Dopamin.
  • Bei Menschen wird der A-Typ häufig als Choleriker bezeichnet, der ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweist.

B-TYP

Der B-Typ ist eher schüchtern und hält sich im Hintergrund. Er zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus:

  • Neuen, unbekannten Situationen und Gegenständen gegenüber ist er misstrauisch und geht ihnen lieber aus dem Weg, Sein Selbstbewusstsein ist nicht sehr groß. Er weicht aus oder unterwirft sich, wenn er bedroht/angegriffen wird.
  • Kontakten zu fremden Artgenossen, Menschen oder Tieren geht er aus dem Weg, denn sie könnten ein Risiko bedeuten, das er sich nicht einzugehen traut.
  • Das Stresshormon, das hier die Hauptrolle spielt, ist Cortisol.

FAZIT

In der Natur gibt es selten reine A- oder B-Typen, meistens liegt eine Mischform mit Tendenz in die eine oder andere Richtung vor. Diese Tendenz ist zwar für einen Fachmann oder den Halter in der Regel erkennbar, zeigt sich aber am deutlichsten in Situationen, die der Hund noch nie erlebt hat. Hier spielen die Gesetze der Lerntheorie eine große Rolle. Da Hunde situations- bzw. kontextspezifisch lernen, verhalten sie sich beim nächsten Mal in einer vergleichbaren Situation auf eine Art und Weise, von der sie sich den größten Erfolg versprechen.
Ein A-Typ kann zwar durch seine Neugier und Unvorsichtigkeit in eine Situation geraten, die ihn schwer traumatisiert, allerdings sind Traumen dieser Art eher die Ausnahme. Geräusche, Angriffe, aversive Trainingsmethoden, Vernachlässigung oder Misshandlung kann beide Persönlichkeitstypen gleichermaßen betreffen. Da der A-Typ der selbstbewusstere ist, der sich mehr zutraut, wird er es häufig leichter haben, das Trauma zu verarbeiten und neue Lösungsmöglichkeiten zu finden.
Der B-Typ geht immer vom Schlimmsten aus und fühlt sich schnell als „Opfer“ der Umwelt/Umstände. Da er davon ausgeht, dass er eine Situation nicht verändern kann, versucht er es gar nicht, sondern zieht sich immer mehr zurück. Problematisch ist dieser Typ besonders dann, wenn er in eine ausweglose Situation gebracht wird und jedes Meide- bzw. Fluchtverhalten verhindert wird. Während der A-Typ durchaus versucht, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, hat der B-Typ nur die Strategie der Flucht in seinem Repertoire. Ist das nicht möglich, kommt es – bedingt durch das dominierende Stresshormon Cortisol – zu einem massiv aggressiven Verhalten. Ist der Auslöser für das Trauma z.B. ein „Training“ mit aversiven, also tierquälerischen Methoden, so führt das häufig in einen Teufelskreis, da der „Ausbilder“ immer noch mehr Gewalt anwenden wird, um den Hund zu „zähmen“. Bei der Therapie jeder Traumafolgestörung muss bei diesen Hunden sehr vorsichtig vorgegangen werden und die Phase der Stabilisierung dauert meist erheblich länger. Der Hund darf auf keinen Fall zu früh bzw. zu intensiven Kontakt mit dem auslösenden Reiz haben.

DAS 5-FAKTOREN-PERSÖNLICHKEITSMODELL

Dieses Modell stammt aus der Humanpsychologie und wurde von amerikanischen Forschern in einer groß angelegten Vergleichsstudie auf Hunde übertragen. Hier wird die Persönlichkeit eines Hundes anhand von fünf verschiedenen Merkmalen (Achsen) beschrieben. Bewertet wird immer auf einer Skala von 1 bis 10, wobei die Werte 1 und 10 die jeweiligen Extreme darstellen. Die Einzelergebnisse werden anschließend zusammengefasst, die Punktwerte addiert und so auf eine bestimmte Persönlichkeit/Persönlichkeitstendenz geschlossen.

DIE FÜNF ACHSEN

  • EXTROVERTIERTHEIT: wie deutlich ein Hund seine Gefühle nach außen zeigt.
  • NEUROTIZISMUS: wie stabil ein emotionaler Zustand bei einem Hund auftritt. Tiere, die als „launisch“ beschrieben werden, erreichen einen hohen, emotionsstabile Tiere einen niedrigen Wert.
  • GESELLIGKEIT: wie häufig der Hund Kontakte zu Artgenossen, Menschen oder anderen Tieren sucht bzw. diese Kontakte genießt und aufrechterhält. Um ein aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten, ist es wichtig, zwischen der Vorliebe für Kontakte zu Menschen und Artgenossen zu unterscheiden bzw. diese getrennt zu bewerten.
  • OFFENHEIT: wie aufgeschlossen und neugierig der Hund auf neue, unbekannte Situationen und Gegenstände zugeht.
  • GEWISSENHAFTIGKEIT: mit welcher Ausdauer der Hund eine Aufgabe lösen oder ein bestimmtes Verhalten zeigt. Lässt er sich von jeder Kleinigkeit ablenken oder ist er konzentriert bei der Sache?

Das Ergebnis dieses Persönlichkeitstests kann einen Anhaltspunkt für den Aufbau der einzelnen Therapiebausteine liefern.
Zusammenfassend kann man sagen, dass keiner der beiden Persönlichkeitstests bzw. Einteilungen geeignet ist, eine zuverlässige Vorhersage abzugeben, wie stark ein Hund gefährdet ist, nach einem traumatischen Erlebnis eine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln oder nicht. Auch eine Prognose für oder gegen die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Therapie kann nicht allein auf der Basis dieser Einschätzungen gestellt werden.
Brauchbare Ergebnisse liefern diese Tests nur dann, wenn sie von entsprechend ausgebildeten Therapeuten mehrmals in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden – hier optimalerweise schon, bevor das traumatische Erlebnis stattgefunden hat – und der Halter seinen Hund sehr gut und lange kennt und wirklich zutreffend einschätzen kann. Wird die Beurteilung nur ein einziges Mal und während der akuten Krise nach dem Trauma durchgeführt, ist sie nicht aussagekräftig, da es sich beim Ergebnis nur um eine „Momentaufnahme“ und nicht um eine Persönlichkeitscharakteristik handelt.

ERKLÄRUNGSMODELL FÜR UNTERSCHIEDLICHE REAKTIONEN AUF DIESELBE BELASTUNG

Eine Erklärung dafür, warum verschiedene Hunde auf dieselbe Belastung ganz unterschiedlich reagieren können, liefert das Modell der Furchtstrukturen nach Foa & Kozak.

Das Modell der Furchtstrukturen nach Foa & Kozak
geht davon aus, dass sich verschiedene Faktoren, die nur locker miteinander verbunden sind, automatisch miteinander verbinden, sobald der Betroffene große Angst hat oder sehr aufgeregt ist.

DIE DREI WICHTIGSTEN FAKTOREN SIND

  • die individuelle Wahrnehmung eines Erlebnisses
  • die damit verbundenen körperlichen Reaktionen wie Erstarren, Zittern oder beschleunigter Herzschlag
  • die individuelle Bewertung der Situation

Das Netzwerk, das entsteht, wird als Furchtstruktur bezeichnet, und jedes darin enthaltene Element steht stellvertretend für das Gesamttrauma. Wird der Hund mit einem Element konfrontiert, erlebt er das Trauma erneut durch. Je gefährlicher er die Situation bewertet und je mehr Reize er damit verknüpft hat, desto belastender ist die Situation für ihn und desto größer ist die Beeinträchtigung seines weiteren Lebens. Das Ausgangsniveau an Erregung ist entscheidend. Ein ängstlicher Hund oder ein Hund, der schon mehrere schlimme Erfahrungen machen musste, wird jedes folgende Trauma negativer einschätzen als ein Hund, der nur positive Erfahrungen machen durfte und wohlbehütet lebt.

ALEXANDRA HOFFMANN

HEILPRAKTIKERIN FÜR PSYCHOTHERAPIE

TÄTIGKEITSSCHWERPUNKTE
Bach-Blütentherapie, Homöopathie, Tier- und Humanpsychologie, Dozentin an den Paracelsus Schulen

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